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„Das Vergleichen ist das Ende des Glücks

und der Anfang der Unzufriedenheit.“

Sören Kierkegaard

 

Bitteres Lied auf den Reichtum

 

Zu verbessern gibt es offenkundig nichts mehr.

Alles ist gut! Zufrieden mit sich und der kapitalistischen

Welt, deren Überfluss sie sich offenbar schon als kleine

Kinder wünschten, sitzen die Revoluzzer auf ihren zugeteilten Belohnungsposten.

Zufrieden mit der Demokratie, zufrieden

mit dem Rechtsstaat, in dem alles mit rechten Dingen zugeht,

manchmal sogar mit ziemlich rechten. Sie träumen

von ihrem heroischen Kampf und von bekömmlichen Diäten.

Eines haben sie doch erstaunlich schnell begriffen:

In dieser neuen, heilen, bunten, freien Welt macht vor allem

Reichsein frei.

 

Reich war ich auch einmal, so vor mehr als zwanzig

Jahren. Da gehörte mir der Wald vor der Tür und der

See mit allen Fischen darin, die Felder mit Korn oder

Mais, die Wiesen und Auen. Die schlechten Straßen waren

meine, die guten auch und das Laub von den Bäumen.

Die Strände an der Ostsee gehörten mir mitsamt

den Abschnitten zum Nacktbaden und der Erlaubnis, es

auch sonst überall zu tun; und die ganze Sächsische

Schweiz mit der Bastei und dem Kuhstall, die schmutzige

Elbe, die Festung Königstein, die Saale mit der Wartburg,

die Schwarze und die Weiße Elster und ein paar

saubere Flüsse dazu. Alle Betriebe waren mein und fast

alle Häuser bis auf die privaten. Alles Gute im Lande war

mein und alles Schlechte auch. Der Fernsehturm gehörte

mir und der Palast der Republik, die Museumsinsel mit

dem Pergamon-Altar, der Zwinger mit allen Gemälden

und die Semperoper in Dresden genauso wie das Grüne

Gewölbe mit all seinen Schätzen, die Neue Oper in Leipzig

und das Hochhaus der Universität, die abrissreifen

Häuser im Norden natürlich auch. Die schmutzige Chemie

von Leuna bis Merseburg und die moderne, saubere

in Schwedt an der Oder, die Müritz und die Mecklenburger

Seenplatte, der Spreewald mit all seinen Gurken,

Fließen und Kähnen, die herrlichen Hengste von Redefin.

Der ganze unermessliche Reichtum eines Landes gehörte

mir und die Probleme und die Schulden auch.

 

Wo hast du gelebt, wenn du im Osten zu Hause warst?

Hast du von deinem Reichtum nichts gewusst? Hast du

dir einreden lassen, das alles wäre doch gar nichts wert?

Einen Euro vielleicht für jeden Betrieb? Verramscht ein

ganzes Land! Und die Treue Hand war der Ramschkönig!

Oder hast du das alles überhaupt nicht gebraucht und

nicht geschätzt und bist zufrieden jetzt mit deinem Leben

und der Sozialhilfe? Was gehört dir jetzt noch? Wie frei

bist du nun wirklich? Wohin kannst du reisen? Ach, wozu

denn reisen? Hauptsache Bananen!

 

(aus dem Buch "Ein Heide auf dem Jakobsweg")

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