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Das beständige Wunder der Mandelbaumblüte

Ein touristischer Besuch alleine reicht dafür nicht aus

Diesmal möchte ich von einem Wunder berichten, das eine ganz besondere Eigenschaft hat: Es wiederholt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit jedes Jahr zur beinahe gleichen Zeit. Ich spreche vom Wunder der Mandelbaumblüte an der spanischen Mittelmeerküste. Natürlich gibt es diese auch in anderen, ähnlich klimatisch begünstigten Ländern, doch alles was ich hier erzähle, muss dort zwangsläufig nicht unbedingt genau so sein. Ich berichte also konkret von der Costa Azahar. Wer sich ein wenig auskennt, der bemerkt natürlich die Ungereimtheit. Costa Azahar kommt aus dem Arabischen, weil die Muslime hier über Jahrhunderte herrschten, und bedeutet so viel wie Küste der Orangenblüte. Das ist vorerst ein wenig irreführend. Selbstverständlich gibt es zwischen Tarragona und Valencia ausgedehnte Orangenplantagen, und die Orange ist wohl auch, in der Masse gesehen, die Frucht Nummer eins. Sobald die Orangenbäume blühen, hüllt sich die ganze Küste in einen betäubenden süßlich-schweren Duft. Dennoch gibt es, vor allem im sorgfältig terrassierten Hinterland der Küste, auch jede Menge weitläufiger Oliven- und Mandelbaumplantagen.

Wenn in Deutschland noch der Winter herrscht ...

Wir wollen uns jedoch nicht mit der Vorherrschaft der einen oder anderen Frucht befassen, sondern mit einem Wunder – dem Wunder der Mandelbaumblüte. „Halt!“ werden wohl einige Leser sagen: „Die Mandelbaumblüte haben wir doch auch schon gesehen. Klar ist sie schön und ungewöhnlich vor allem in einer Zeit, wenn in Deutschland beispielsweise noch harter Winter herrscht mit Eis und Schnee, aber was soll daran ein Wunder sein?“

Genau das möchte ich erklären. Die Mandelbaumblüte kann jeder sehen, das Wunder dagegen muss man erlebt haben. Das geht leider nicht, wenn Touristikunternehmen ganze Busladungen voller Menschen in die Baumblüte senden. Klar - ein wunderschöner Ausflug bleibt es schon, und wer es nicht anders weiß, ist glücklich und zufrieden damit. Daran möchte ich auch gar nichts ändern. Doch wer das Wunder erleben will, der sollte für etwas längere Zeit in der Region weilen oder besser noch, gar hier leben.

Du musst auf die Zeichen achten!

Auf ausgedehnten Spaziergängen oder bei Fahrten mit dem Auto in die Nachbardörfer des Hinterlandes begegnet dir immer wieder der folgende Anblick: sattgrüne Orangenplantagen, wo leuchtendgelbe Früchte bereits ab Ende Dezember/Anfang Januar bis weit nach Ostern in sinnvoller Sortenfolge auf die Ernte warten. Sie wechseln sich ab mit den hellgrün-silbrig schimmernden Blättern der großen Olivenhaine. Dazwischen immer wieder einmal Flächen, auf denen schwarze, knorrige Baumskelette zu stehen scheinen, die aussehen, als hätten sie gerade einen Waldbrand überlebt. Nichts Anmutiges, nichts Harmonisches zeichnet diese Bäume aus. Krakelig und düster strecken sie ihre wie abgestorben wirkenden Äste in den blauen, heiteren Himmel - welch ein Gegensatz! Das sind Mandelbaumplantagen, auf denen die Mandelbäume wie erstarrt in ihrer Winterruhe verharren.

Dann, eines Tages, es ist Ende Januar/Anfang Februar, gehst oder fährst du einen gewohnten Weg entlang, wo in einer geschützten Lücke schon immer ein Mandelbaum steht. Den hast du das ganze übrige Jahr nicht wahrgenommen. Jetzt aber kannst du den Blick nicht von ihm wenden. Förmlich über Nacht hat er sich mit weiß-rosa Blüten bedeckt – ein wunderschöner Anblick. Das ist das erste Zeichen ...

Mandelbaumblüten von Nahem betrachtet

Ein paar Tage später fährst du wieder zufällig landeinwärts. Da bemerkst du, dass jeweils an einer Ecke jener schwarzbäumigen Plantagen ein oder zwei Bäume begonnen haben, die weiß-rosa Blüten zu treiben wie zur Probe. Jetzt heißt es aufpassen. Wenn das Wetter mitspielt und die spanische Sonne bereits sieben bis acht Stunden am Tag ihr wärmendes Werk vollbringt, dann passiert es manchmal über Nacht: Wie ein weiß-rosa Blütenmeer erstrahl die gesamte Fläche der Mandelbaumplantage und übertrumpft mit diesem überwältigenden Eindruck zu dieser Zeit locker die Konkurrenz der Orangen- und Olivenbäume.

Ein Mandarinenbaum mit Früchten und dahinter blühende Mandelbäume

Im Vordergrund trägt ein Mandarinenbäumchen zahlreiche Früchte - im Hintergrund sind die knorrigen Mandelbäume voll erblüht. (Fotos vom Autor)

Jetzt wiederum bist du gut beraten, wenn du einen Weg kennst, der ein wenig oberhalb von mehreren dieser Mandelbaumplantagen verläuft. Oder du kennst jemanden, der einen solchen Weg oder eine solche Stelle zur Betrachtung weiß. Es ist ein Anblick, der sich tief in die Seele senkt und dir Kraft gibt für lange Zeit. Ein unendlich scheinendes Meer an weiß-rosa Blüten, das nur begrenzt wird vom Grün der Orangen- oder Olivenplantagen, von einer hindurchführenden Straße oder einem Weg, oder von steileren Bergen, wo ein Anbau nicht mehr lohnt.

Genau das, dieser abrupte Wechsel von absoluter Hässlichkeit der vormals knorrigen, schwarzen, wie abgestorben wirkenden Bäume hin zur vollkommenen Schönheit dieses Blütenmeeres und jeder einzelnen zarten Knospe förmlich über Nacht – das ist das eigentliche Wunder der spanischen Mandelbaumblüte.

Peter Schumann

 

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