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Die Flüchtlinge in der Höhle von Bolimini

Eine späte Exkursion und eine unglaubliche Geschichte aus dem Spanischen Bürgerkrieg

Die Geschichte, die ich hier erzählen möchte, nahm ihren Ausgang bereits vor sechs Jahren. Wir hatten Besuch aus Deutschland, und wie immer in einem solchen Fall, versuchten wir, unseren Gästen das Hinterland der Küste ein wenig näher zu bringen. Eines unserer Ziele war das beschauliche Örtchen Villafamés, etwa 40 Kilometer von Peñiscola entfernt und noch etwa 25 Kilometer vor der Provinzhauptstadt Castellon.

Bevor wir überhaupt ins Städtchen kamen, passierten wir einen Kreisverkehr, an dessen Rand ich ein Schild wahrnahm, das auf eine Höhle hinwies – La Cova de Bolimini. Höhlen übten seit jeher auf mich wie auf viele andere auch eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Ich überredete die anderen drei Insassen, doch einen kleinen Abstecher in Richtung des Hinweisschildes zu wagen. Zu meinem Glück waren alle irgendwie interessiert; wir verließen den Kreisverkehr auf einem schmalen Betonweg, der rechterhand in die sanfte Hügellandschaft hineinführte. Einige Windungen später landeten wir am Rande eines Feldes unterhalb eines Gebäudes, einer Masia. Das Auto stellten wir auf dem unbearbeiteten Feld ab; es würde hier wohl keinen stören. Wir beratschlagten gerade, welchem Weg wir nun zu Fuß folgen wollten. Ein schmaler Pfad führte zur Masia hinauf, ein anderer, etwas breiter, links davon in die grünen Hügel. Noch ehe wir zu einem Ergebnis gekommen waren, näherte sich ein größeres rotes Fahrzeug und parkte gleich neben uns. Es war ein Mannschaftswagen der Castellonenser Feuerwehr. An die zwölf Feuerwehrleute, jüngere, ältere, auch einige weibliche, stiegen aus. Alle waren bewaffnet mit ansehnlichen Taschenlampen. Sie kannten sich wohl gut aus, denn unverzüglich eilten sie auf dem links liegenden Pfad vorwärts. Ich ergriff die Gelegenheit und fragte einen der Männer, ob wir ihn begleiten dürften, weil wir doch nicht im Besitz von Taschenlampen wären. „Claro!“ – freundlich lud er uns ein, ihm auf dem Fuße zu folgen. Nach etwa 500 Metern erreichten wir nach einigem Auf und Ab den wirklich sehr verborgen liegenden Eingang der Höhle. Niemand hielt sich dort mit Betrachtungen auf, alle stiegen ohne zu zögern ein. Also folgten auch wir unserem Mann des Vertrauens. Es ging eine sanft absteigende Rampe hinab ins Innere der Höhle. Doch nach zwanzig oder dreißig Metern war leider Schluss für uns. Der Boden wurde geröllig, unebener und wegen der Luftfeuchtigkeit  auch etwas glatt. Keiner von uns, die wir auf dieses Abenteuer ja auch nicht vorbereitet waren, hatte passendes Schuhwerk – besonders natürlich die Frauen. Da war Niemandem ein Vorwurf zu machen. Wir bedankten uns bei dem Feuerwehrmann, der uns wenigstens selbstlos geleuchtet hatte, und traten den Rückweg an. Das war nicht schwierig, weil der Eingang der Höhle sich hell abzeichnete und noch genügend Licht spendete. Draußen angekommen, bedauerten wir den Abbruch sehr und trösteten uns damit, die ganze Sache besser vorbereitet an anderes Mal zu wiederholen.

Steiniger Hügel mit Bewuchs und ein Höhleneingang Terrassiertes Bergland in der Umgebung von Villafames

Der versteckt liegende Eingang zur Höhle von Bolimini und die Umgebung der Höhle. Ganz in der Ferne das Örtchen Villafamés - etwa zwei Kilometer entfernt

Die Jahre vergingen. Ich war inzwischen noch einige Male in Villafamés. Leider ergab sich nie eine Gelegenheit, die Höhle von Bolimini zu besuchen. Doch sie blieb wie eine unerledigte Sache in meinem Kopf. Es ist nicht lange her, als ich im Internet durch einen Zeitungsartikel in der Zeitschrift el Periódico Mediterráneo erneut auf diese Höhle aufmerksam wurde. Ich übersetzte für mich den Beitrag von Manu Vives Wort für Wort. Im Folgenden werde ich jedoch im Sinne von Kürze und Verständlichkeit eine sehr freie Zusammenfassung wiedergeben.

Alle Nachbarn hielten fest zusammen

Die Geschichte spielt im Spanischen Bürgerkrieg, der von Juli 1936 bis zum April 1939 andauerte. Der unbarmherzig und grausam geführte Konflikt, den viele Chronisten als Vorboten für den Zweiten Weltkrieg ansahen, machte auch vor dem Städtchen Villafamés keinen Halt. Besondere Ursache dafür war wohl die Tatsache, dass der Ort damals einen kleinen Flugplatz besaß, der sicherlich auch militärisch genutzt wurde. Das machte jedoch Villafamés zu einem erstrangigen Ziel für die Luftwaffe der Franco-Truppen. Bekanntlich hatte General Franco im Juli 1936 in Spanisch-Marokko gegen die legitime und demokratisch gewählte linke Volksfront-Regierung geputscht und den Kampf mit Hilfe von Hitler-Deutschland (Transportflugzeuge und Waffen) erfolgreich auf das spanische Mutterland übertragen. Von nun an zog sich ein Riss durch die spanische Gesellschaft. Er entzweite Familien, Dörfer und Städte – ja schließlich das ganze Land. Manche Wunde aus dieser Zeit ist niemals geheilt – bis heute.

Doch zurück zum Städtchen Villafamés, dessen Einwohner bezüglich der unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Interessenlage keine Ausnahme bildeten. Es gab Anhänger der legitimen Regierung, die sich nunmehr Republikaner nannten, und Befürworter des Putschistengenerals, den Nationalen. Doch Villafamés wies eine unglaubliche Besonderheit auf, die im Zusammenhang steht mit der Höhle von Bolomini. Diese Höhle liegt knapp zwei Kilometer außerhalb der Stadt in terrassierten Hügeln, die bestanden sind mit Olivenbäumen, Pinien, Johannisbrotbäumen und passendem niedrigen Gehölz. Der nur etwa zwei mal zwei Meter große Eingang der Höhle war für Fremde praktisch unsichtbar und unauffindbar. Das bewegte schließlich die Einwohner von Villafamés, es sollen an die achthundert gewesen sein, sich vor den andauernden Bombardements und der grausamen Realität des Krieges in den sicheren Schutz dieser Höhle wie in ein Refugio zu flüchten.

Keiner wurde je verraten ...

Manolo Marz, eine Schlüsselperson bezüglich der Geschichte des Ortes und ein exzellenter Chronist, erinnert sich an die vitale Bedeutung der Höhle von Bolimini während des Konfliktes: „Es war eine wahre Arche Noah und auch ein Beispiel des Zusammenlebens zwischen Nachbarn; in der Höhle gab es Nachbarn mit zwei Ideologien, weil sich die Republikaner gleichermaßen wie die Nationalen fürchteten.“ Und er setzt seiner Schilderung hinzu: „Es gab Flüchtlinge, die während des Tages die Höhle verließen bis zur Rückkehr in der Nacht, weil sie zwischendurch gesucht wurden.“ Marz unterstreicht, dass es „faktisch zahlreiche Gelegenheiten gab, bei denen die Truppen sowohl der einen als auch der anderen Seite zur Höhle kamen, einen konkreten Nachbarn zu suchen, um ihn zu erschießen. Aber immer erhielten sie die gleiche Antwort: Den ihr sucht – der ist nicht unter uns! Die Unmöglichkeit, in der Dunkelheit der Höhle jemanden zu identifizieren, tat ein Übriges.“ (nach el Periodico Mediterranneo)

Die nachbarliche Gemeinschaft der Einwohner von Villafamés hielt offenkundig dieser schweren Prüfung stand. Perfekt wurde das Überleben organisiert. Einige Männer, die sich ständig ablösten, hielten draußen Wache und organisierten weitere Verstecke in den umliegenden Bauerngehöften (Masias). „Während draußen die Bomben fielen, ging das Leben im Inneren weiter“, bekräftigte Manolo Marz. „Die Frauen sorgten für das Licht in der Höhle, die Kinder setzten den Schulunterricht zwischen Stalaktiten fort und die übrigen Nachbarn gewannen Wasser aus den oberen Hohlräumen. Einer, der maßgeblich zu dieser sicheren Alltäglichkeit beitrug, war der Lehrer des Ortes. Jeden Tag fertigte er am Eingang der Höhle eine Liste an, als ob er noch in seiner Schule wäre.“ Das Exil der Einwohner von Villafamés wurde bis zum 12. Juni 1938 aufrechterhalten, jenem Tag, an dem die Ortschaft von Nationalen Truppen Francos schließlich  eingenommen wurde.

Der Hauptturm der Burgruine von Villafames Blick durch eine romantische Gasse in Villafames

Der Burgturm in Villafamés und eine romantische Gasse weiter oben im Städtchen

Kürzlich – im Oktober 2012 – waren wir erneut in Villafamés. Zu Dritt machten wir uns auf, diesmal jedoch mit der festen Absicht, die Höhle von Bolimini zu erkunden. Wir suchten und fanden den Kreisverkehr, der uns sicher die Richtung zur Höhle wies, fuhren den uns bereits bekannten Weg bis zum Feld und stellten dort das Auto ab. Keine Feuerwehr zeigte sich heute. Doch das war auch nicht nötig, denn wir waren diesmal sowohl bezüglich Kleidung als auch der Ausstattung mit Taschenlampen vorbereitet. Wir entschieden uns wie damals für den linken Weg und erreichten zügig den Eingang der Höhle. Er soll laut Beschreibung von Höhlenforschern exakt 1,20 Meter hoch und 1,90 Meter breit sein. Über dem Eingang befindet sich eine Gedenktafel, deren Inschrift allerdings nicht mehr so leicht zu lesen ist. Das hat seine Ursache wahrscheinlich in der Geschichte des Bürgerkrieges, die im Spanien der Franco-Zeit wie überall stets von den Siegern geschrieben wurde. Aus dem Beitrag der el Periodico Mediterranneo (von 2006) kenne ich sie jedoch wörtlich und gebe sie hier wieder:

„Gelobt sei Gott! Diese Höhle war ein sicherer Zufluchtsort für die Einwohner von Villafamés in tragischen und beängstigenden Stunden, die der Befreiung der Stadt durch die siegreichen Truppen von Generalissimo Franco vorangingen.“

Aus dem Zeitungsbericht geht weiter hervor, dass nach dem Sieg der Franco-Truppen über viele Jahre hinweg (in der Franco-Zeit) eine Romeria, also eine Wallfahrt, mit Dankesgottesdienst zur Höhle und in der Höhle stattfand.

Es wird Zeit, darüber zu reden

Letzteres und die Formulierung auf der Gedenktafel über dem Höhleneingang kann man heute und aus objektiver Sicht nicht unkommentiert stehen lassen. Wenn es wahr ist, dass in der Höhle über viele Monate hinweg Menschen friedlich und kooperativ zusammen lebten, die mindestens zwei unterschiedlichen und eigentlich unvereinbaren  Ideologien anhingen, dann kann es doch zumindest für die eine Hälfte der Höhlenflüchtlinge – die Anhänger der legitimen, demokratisch gewählten Regierung (Republikaner) keine „Befreiung“ gewesen sein, als die Francotruppen die Stadt Villafamés einnahmen. Natürlich stellte es in jenem Augenblick das geringere Übel dar, denn vor allem die Francotruppen selbst waren es ja, die mit Hilfe ihrer ausländischen Freunde wie Hitler-Deutschland und Italiens Mussolini erbarmungslos und ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung spanische Städte bombardierten. Den traurigen Höhepunkt erreichte das mit dem Einsatz der faschistischen deutschen Legion Condor und derem grausamen Massaker in Guernika. Hier, wo das Nationale Heiligtum der Basken seinen Platz hat, wurde eine ganze Stadt dem Erdboden gleichgemacht und ohne jede Rücksicht auf Flüchtende geschossen – völlig unabhängig davon, ob es Männer, Frauen oder Kinder waren.

Wenn der Autor des Zeitungsberichtes am Ende wünscht, man möge doch die Tradition der Romeria zur Höhle von Bolimini wieder aufleben lassen, kann man dem durchaus  zustimmen. Voraussetzung wäre allerdings, dass die Dankesmesse in der Höhle nicht zur Verherrlichung der Franco-Zeit verkommt. Das hätten weder die so unterschiedliche Gemeinschaft der ehemaligen Flüchtlinge, noch die Höhle selbst verdient.

Interessant und aufschlussreich wäre in diesem Zusammenhang, in der Jetztzeit eigene Forschungen anzustellen und folgender Frage auf den Grund zu gehen: Gab es nach der sogenannten Befreiung von Villafamés durch die Nationalen Truppen Säuberungen in Form standrechtlicher Erschießungen und anderer brutaler Übergriffe, für die General Franco berühmt-berüchtigt war? Was wurde aus den Anhängern der Republik, mit denen sie vorher in der Höhle von Bolimini friedlich zusammengelebt hatten?

Die Zahl der Opfer des Spanischen Bürgerkrieges schwankt zwischen 500.000 und einer Million. Dieser ungeheure Unterschied lässt sich nur mit dem „Pakt des Schweigens“ erklären, mit dem sich das spanische Volk nach dem Ende der Diktatur einverstanden erklärte und der eine genaue Ermittlung der Opferzahlen so gut wie unmöglich machte. Dieser Pakt jedoch, der übrigens bis heute andauert, kommt zweifellos den Anhängern Francos zu Gute. Ernsthafte Historiker sind sich einig darüber, dass die Zahl der Opfer, die das Regime zu verantworten hatte, etwa dreimal höher lag als die Zahl auf republikanischer Seite. Dass sich die Republikaner auf diesen Pakt einließen, hat wohl vor allem mit der eigenen Scham über die schrecklichen Vorkommnisse dieses grausamen und mit großer Härte geführten Krieges auch auf der eigenen Seite zu tun. So wurden unter anderem zum Beispiel – wenn auch aus maßloser Enttäuschung und Wut darüber, dass sich die katholische Kirche von Beginn an auf die Seite Francos stellte – Kirchen und Klöster mutwillig geschleift und über 7.000 Mönche, Nonnen und Priester getötet.

Blick auf den Ausgang der Höhle von Bolimini und auf Gesteinsformationen

Blick aus dem Höhleninneren auf den Licht spendenten Ausgang

Die Exkursion in die Höhle von Bolimini

Doch zurück zur Höhle selbst. Zu Beginn verläuft der Weg über eine Art Rampe unproblematisch sanft absteigend. Man befindet sich derzeit in einem großen Saal, der laut Angaben der Forscher 41 mal 10 mal 7 Meter misst. Damit hat man etwa knapp zwei Drittel des Raumes hinter sich. Nun schiebt sich mehr und mehr Geröll in den Weg, der Boden ist zerfurcht und mit kleineren und größeren Felsbrocken übersät. Dazu kommt, dass die zunehmende Luftfeuchtigkeit den Weg abschüssig und die Steine, auf die man tritt, glatt macht. Doch es ist bei entsprechender Vorsicht und guten Taschenlampen auch – wie in unserem Fall – von teilnehmenden Frauen zu bewältigen. Das Weitergehen bis zur Sohle der Höhle, die man bei etwa 75 Metern in der Länge und minus achtzehn Metern in der Tiefe erreicht, lohnt sich auf jeden Fall. Linkerhand öffnet sich unvermittelt ein Felsspalt, der eine Art hohe Grotte freigibt und von außen mit einem dekorativen, mehrfarbigen steinernen „Wasserfall“ dekoriert ist. Man kann diesen Raum betreten. Im Inneren der Grotte befindet sich ein steinerner Trog, in den unablässig Wasser tropft. Seine Länge wird in der entsprechenden Literatur mit knapp einem Meter und die Breite mit 64 Zentimetern angegeben. Dieses Wasserbehältnis aus Stein soll natürlich entstanden sein. Das mag früher zugetroffen haben. Sein heutiger Zustand weist eine fast exakte rechteckige Form der Vertiefung auf und einen ausgearbeiteten Rand ringsum. Da waren inzwischen wohl gutmeinende Menschenhände am Werk, was der Sache an sich jedoch keinen Abbruch tut. Als ich vor dem Wassertrog stand und an die Menschen denken musste – Frauen und Männer, junge ebenso wie alte, und Kinder -, denen dieser ausgehöhlte Stein vor mehr als 75 Jahren das Überleben sicherte, konnte ich nicht anders: Ich nahm beide Hände dicht zusammen, tauchte sie in das kühle, klare Nass und trank ...

Grottenartiger Eingang und im Mittelpunkt ein steinerner Trog

Wunderbar farbiger steinerner Wasserfall in der Höhle von Bolimini ein großer steinerner Wassertrog in der Höhle von Bolimini

Oben der Eingang zur Grotte, in deren Mittelpunkt ein steinerner Wassertrog steht. Unten links ein steinerner Wasserfall am Eingang zur Grotte, etwa sechs Meter hoch, und der steinerne Wassertrog im Detail (alle Fotos vom Autor)

Der restliche Teil der Höhle, der auf dem Rückweg rechterhand plateauartig und wesentlich geringer in allen Ausmaßen liegt, war abschließend schnell erkundet. Dabei betraten wir nur jene Teile, die einen einigermaßen aufrechten Gang gewährleisten konnten. Überraschend war noch eine Erfahrung am Rande: Beim Betreten der Höhle waren wir absolut auf die Taschenlampen angewiesen und nahmen ansonsten nur völlige Dunkelheit wahr. Nach immerhin fast einer Stunde Aufenthalt stellten wir übereinstimmend fest, dass sich unsere Augen inzwischen erstaunlich gut angepasst hatten. Auch ohne Taschenlampen hätten wir uns jetzt in den Hauptteilen der Höhle gut orientieren können. Aber wer möchte schon eine Stunde warten, bevor er etwas sieht?

PS

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