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Die Zikaden sind endlich zurück

Nun singen sie wieder die ganzen warmen Nächte

Es ist jetzt etwas über elf Jahre her, als wir uns entschlossen, in Spanien ein neues Domizil zu suchen. Bald schon war klar, dass es die Costa Azahar sein sollte, und zwar das kleine Örtchen Peñiscola. Es liegt fast genau in der Mitte zwischen Tarragona und Valencia. Als wir unser Haus gefunden hatten, lag es etwas außerhalb des Ortes zwischen grünen Feldern und mit Blick auf ebenso grüne Hügel in der nahen Ferne. Auch das Meer war zu sehen, und zwar in einer geraden Linie am Horizont, wo sich der Himmel und das Meer zu berühren schienen. Manchmal war der Himmel dunkel und das Meer hell; an anderen Tagen war es genau umgekehrt. Ein anders Mal verwischte die ansonsten meist klare Trennlinie. Dann war es nicht mehr möglich zu erkennen, wo das Wasser aufhörte und der Himmel begann. Doch immerhin – die Linie, die der Horizont bei normalem schönem Wetter bildete, war so gut wie ununterbrochen.

Heute ist das nicht mehr so. Das Grün der Hügel hat sich weiter in die Ferne geschoben, eine Silhouette neu erbauter Häuser unterbricht die ungehinderte Sicht auf das Meer und hat die Horizontlinie um gut die Hälfte eingeschränkt. Neben unserer aus fünf einzelnen Häusern bestehenden Anlage hat zum Glück wenigstens eine Mandarinenplantage die Bauwut, die bekanntlich maßgeblich mit zur spanischen wirtschaftlichen Krise geführt hat, überdauert. Der betörende Duft der Blüten um die Osterzeit und die schönen gelb-orangenen Früchte mitten im Winter entschädigen ein wenig.

Wenn in den vergangenen Jahren schon am frühen Morgen der Lärm eines Bulldozers zu hören war, wussten wir sogleich, was das bedeutete: Wieder hatte einer der alt gewordenen Bauern sein Land verkauft und sich zur Ruhe gesetzt. Nun fuhr er, statt Oliven zu pflücken, Orangen zu ernten oder Gemüse anzubauen, mit einem schicken großen Auto viel zu langsam durch die Gegend. Und das Grün der ehemals bewirtschafteten Fincas – war es nun ein ergiebiges Gemüsefeld oder eine Orangenplantage oder ein Olivenhain mit uralten Bäumen – wurde gründlich plattgemacht von einem modernen Ungetüm mit großem stählernen Schiebeschild. Die Immobilienhaie der ganzen Umgebung waren wohl Tag und Nacht aktiv auf der Suche nach weiteren lukrativen Möglichkeiten.

Eines Nachts ging ich vor dem Schlafengehen auf die Terrasse und genoss den unbeschreiblichen Anblick des spanischen Sternenhimmels und die Wärme der Luft, die auch der Nachtkühle einfach nicht weichen wollte. Es war ganz still – ungewöhnlich still. Es dauerte eine ganze Weile, bevor ich mir klar wurde, was da nicht stimmte: Ich vernahm keinen Gesang der Zikaden. Nun gut, dachte ich, sie machen halt mal eine Pause. Doch die Ruhe blieb in dieser Nacht und in den folgenden Nächten und diesen ganzen Sommer lang und den nächsten ...

Gebaut wird ringsum schon längst nicht mehr. Die Krise, vor allem wohl hervorgerufen durch eine kräftige Immobilienkrise durch Überangebot, hält Spanien fest im Griff. Zu spät die Erkenntnis und der Ausspruch Zapateros, der damals die Regierung leitete: „Weniger Ziegel – mehr Computer!“ Er wollte damit sagen, dass die einseitige Ausrichtung, das Wohl Spaniens vom ständigen Wachstum der Bauindustrie abhängig zu machen, nicht der richtige Weg für dauerhaften Wohlstand für alle sein konnte. Wie Mahnmale stehen nun überall im Lande halbfertige und fertige, ungenutzte und unbewohnte Anlagen und dämmern vor sich hin. Auch in unserer direkten Umgebung kann man sie finden. Doch diese zwangsläufige Ruhe hat offensichtlich auch ihr Gutes bezüglich der Natur. Nicht nur, dass noch vorhandene Brachflächen und damit potentielles Bauland nun (zumindest vorerst)  liegen bleibt – auch die kleinen und kleinsten Tiere erobern sich das Gelände und damit auch unsere unmittelbare Umgebung zurück. Nun singen sie wieder – die Amseln und die Nachtigallen, Rotkehlchen und viele andere. Und die Nächte sind seit geraumer Zeit wieder typisch spanisch. Das ausdauernde Zirpen der Zikaden, das manchmal wie ein einziger, ewig andauernder Ton klingt, tönt in den Nächten wie früher, als das Gebiet noch ganz von der Landwirtschaft geprägt war. Das ist zwar nie wieder zurückzuholen, aber vielleicht bleibt uns jetzt ein Zustand erhalten, der Raum für alle bietet – die Menschen mit ihren Häusern und die Tiere, die großen und die kleinen, ohne die das Leben so langweilig und trist wäre ...

PS

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