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Auf der anderen Seite von Peñiscola

Der Ort bietet mehr als nur die Altstadt mit der Burg, den Strand und die Strandpromenade

Heute wende ich mich an all jene, denen es nicht genügt, bei ihrem Aufenthalt am Mittelmeer nur die Top-Sehenswürdigkeiten, die Flaniermeile und den Weg vom Hotel zum Strand und zurück kennen zu lernen. Auch Peñiscola hat mehr zu bieten als nur die Altstadt mit der Burg, den Paseo Maritim und den sechs Kilometer langen Sandstrand. Begleitet mich doch auf einer kleinen Wanderung so von vier bis fünf Kilometern auf der anderen, also dem Strand abgewandten Seite dieses Ortes.

Ein historischer Treffpunkt

Wir treffen uns am Kreuz. Es steht an der neuen Verbindungsstraße von Peñiscola nach Benicarlo, etwa 1000 Meter hinter dem Kreisverkehr, der direkt am Supermarkt Mercadona liegt. Der kleine, vor einigen Jahren neu gestaltete Platz ist mit seiner typischen Steinmauer und einer steinernen Bank rund um das etwa acht Meter hoch ragende Kreuz, nicht zu übersehen. Ein unbefestigter Weg führt von hier direkt durch das Schilfgebiet. Es ist mir nicht gelungen herauszufinden, warum das Kreuz ausgerechnet an dieser Stelle steht. Aus einem Text geht lediglich hervor, dass es bereits am Ende des 14. Jahrhunderts existierte als ein typisches religiöses Monument. Leider zerstörte ein heftiges Unwetter das Original im Jahre 1910. Fast hundert Jahre später, 2009, entstand die heutige Nachbildung aus noch vorhandenen Fragmenten des Originals. Dabei wurden genauestens die mittelalterlichen Regeln der Konstruktion dieser Zeit im Maestrat respektiert. Während der Rekonstruktion wurden in diesem Sinne die goldenen Teile erneuert, und der Auftrag der Farben erfolgte wie damals beim Original.

Ein zu Peñiscola gehöriges restauriertes religiöses Monument mit Originalteilen vom Ende des Vierzehnten Jahrhunderts

 

Altes Finca-Gebäude in traditioneller Bauweise mit typischem Tonnengewölbe, rechts die schmale Straße, die zur Carrer de Pigmalion führt

Wir gehen ein Stück in Richtung Peñiscola und passieren dabei alte Fincas. Deren Wirtschaftsgebäude liegen direkt an der Straße, das heißt direkt an unserem Weg, darunter auch ein Gebäude in traditioneller Bauweise mit Tonnengewölbe. Solche Räume dienten hauptsächlich der Lagerung von Obst und Gemüse. Schon nach etwa 200 Metern biegen wir scharf links in eine kleine, erst in den letzten Jahren asphaltierte Straße ein, die nach weiteren 100 Metern einen Rechtsbogen vollführt. Somit befinden wir uns jetzt parallel zur Hauptstraße, allerdings getrennt durch weitläufige Fincas, die uns für eine Weile rechts und links des Weges begleiten. Wenn man an die Aussagen der Historiker denkt, dass dieses Gebiet in der Zeit der arabischen Herrschaft ein einziger blühender Garten gewesen sein soll – hier kann man es sich mit entsprechender Fantasie vorstellen. Letztere braucht man, weil nicht mehr all zu viel los ist mit dem Anbau von Obst und Gemüse, es sei denn für den Eigenbedarf. Einige Felder reichen vielleicht auch noch, um den einheimischen Markt, der jeden Montag auf dem großen Parkplatz am Südstrand stattfindet, zu beliefern und nebenher etwas zu verdienen. Es gibt auch noch kleinere Plantagen von Mandelbäumen und Oliven, aber in früheren Zeiten muss das bedeutend mehr gewesen sein. Davon zeugen heute noch ein paar alte, steinerne Monumente, die inzwischen überflüssig geworden sind und nach und nach zerfallen: alte Schöpfräder, die noch immer an die Bewässerungskünste der Araber erinnern. Man muss sich nur vorstellen, wie das wohl aussah, wenn Esel am Ende einer langen Holzstange immerzu im Kreise liefen und damit die Wasserräder antrieben, die das relativ hoch stehende Grundwasser auf die Felder holten. Längst haben elektrische Pumpen diese Arbeit ersetzt; sie dienen lediglich noch als Brunnen. Esel gibt es wohl auch keine mehr bis auf eine Ausnahme: Auf einer der Fincas lebt noch eines der Grautiere in Gesellschaft zweier Pferde. Manchmal hört man sein kehliges Geschrei schon von weitem. Auch einer kleinen Ziegenherde kann man manchmal auf diesem Weg noch begegnen.

Altes Schöpfrad, das früher mit Hilfe von Eseln das Wasser auf die Felder brachte

Je weiter wir voranschreiten, desto dünner gesät sind die Fincas. Auf der rechten Seite werden sie bald schon abgelöst durch einen großen Parkplatz für den Supermarkt Mercadona. An diesen schließt sich bereits Urbanisation auf Urbanisation an – alles ehemalige Plantagen und Gemüsefelder. Auf der linken Seite haben sich Ausläufer des mit Schilf bestandenen Sumpfgebiets bis zur kleinen Straße durchgekämpft. Bald landen wir in der Carrer Pigmalion und haben damit das Stadtgebiet Peñiscolas, das hier am neuesten ist, erreicht. Ich nenne diese Straße gern auch die Kanalstraße, weil jederzeit auf der linken Seite ein Kanal verläuft. Er gehört zu einem ganzen System von künstlich angelegten Kanälen, die zusammen das überschüssige Wasser des Sumpfgebiets durch das Zentrum der Neustadt bis hin zum Meer am Südstrand ableiten. Auf welchen Wegen und mit welchen gestalterischen Möglichkeiten dies erfolgt, ist im Beitrag „Sehnsuchtsziel Peñiscola“ näher beschrieben. Wir passieren kleine Betonbrücken, die über den Kanal scheinbar ins Schilfgebiet führen, denn dort befinden sich noch einige kleinere Fincas, die bewohnt bzw. in Nutzung sind. Von denen ist wegen des hohen Schilfes manchmal so gut wie gar nichts zu sehen.

Links die Carrer de Pigmalion mit den kleinen Betonbrücken über den Kanal, am Ende die Holzbrücke. Rechts der Beginn des Holzpfades durch das Schilfgebiet

Etwa in der Mitte der Straße Pigmalion führt eine Holzbrücke an einem kleinen Rastplatz ins Schilfgebiet hinein, und aus diesem heraus fließt ein etwas breiterer Kanal, der in einer Entfernung von nicht mal tausend Metern parallel zum Meeresstrand verläuft. An diesem Hauptkanal spazieren wir jetzt entlang, indem wir die Holzbrücke überqueren. Von nun an sind wir sprichwörtlich auf dem Holzweg, denn es handelt sich tatsächlich um einen mit entsprechender Handwerkskunst ins Schilf gebauten Weg auf Holzpfeilern und auch sonst gänzlich aus Holz, also die Bodenbretter und die seitlichen stabilen Geländer. Selbst Fahrräder dürfen diesen Holzpfad mit entsprechender Rücksicht auf die Fußgänger benutzen. Der ganze Weg ist in der Art eines Natur-Lehr-Pfades angelegt. Es führen hin und wieder vom Hauptweg kleine Abzweige bis hin zum Kanal oder andere interessante Plätze, die plateauartig gestaltet sind, mal ohne, mal mit Überdachung. Normalerweise findet man Schilder, die mit Erläuterungen zu Flora und Fauna versehen sind. Leider sind diese oft Opfer von Randale oder Schmierereien.

Wertvolle, geschützte und schutzbedürftige Landschaft

Es handelt sich insgesamt um ein geschütztes Feuchtgebiet, das im Valencianischen Katalog der Feuchtgebiete und im Netz „Natur 2000“ der Europäischen Union aufgenommen ist. Es entsteht durch Grundwasser, das durch kleine Seen fließt, die als „Ullals“ bezeichnet werden. Diese Ullals laufen über und setzen das ganze umliegende Land unter Wasser. So bildet sich ein Sumpf oder Feuchtgebiet. Mit Hilfe von künstlichen Kanälen und kleinen Wehren wird das überschüssige Wasser abgeleitet beziehungsweise auf einem bestimmten gewollten Niveau gehalten. Die Einzigartigkeit dieser seltenen Gebiete führt dazu, dass hier endemische Arten von Fischen zu Hause sind. Konkret handelt es sich um den Samaruc - den Valenciakärpfling, und um den Fartet – den Spanienkärpfling. Den vom Aussterben bedrohten Samaruc gibt es hier in seiner größten Population und darüber hinaus nur entlang der Küste zwischen dem Ebro-Delta und den Sümpfen von Pego und Oliva.

Der Holzweg durch das Feuchtgebiet (alle Fotos vom Autor)

Ich habe übrigens diese Fische noch nie zu Gesicht bekommen, und auch auf unserer Wanderung wird uns dies wohl nicht gelingen. Das ist nur etwas für die aktiven Naturschützer, die sich hier genauestens auskennen. Im Kanal, der vorn an der Straße Pigmalion fließt, kann der staunende Besucher jedenfalls jede Menge Fische entdecken. Es handelt sich dabei um nur eine Art, die in allen Lebensgrößen, von fingergroß bis 60 Zentimeter lang, zu bewundern ist. Die Einheimischen nennen sie Lisas (von lisa = glatt). Um diese Fische muss sich niemand Sorgen machen. Sie sind nicht vom Aussterben bedroht. Nicht einmal Angler haben sie zu fürchten. Ihr Glück ist: Sie schmecken einfach nicht.

An den Holzpfad schließt sich ein sehr schöner heller Kiesweg an, der ständig am Kanal entlang führt und parallel zum Paseo Maritim verläuft

Der Weg durch das Schilf auf dem Holzweg ist nicht all zu lang. Zu gewissen Zeiten begleitet den Wanderer ein ordentliches Froschkonzert. Auch Wasserschildkröten kann der aufmerksame Beobachter entdecken. An Ende stößt man auf die Schule für die kleinsten Peñiscolaner. Der Pausenlärm ist oft schon in der Pigmalion-Straße zu hören. Ein Tennis-Zentrum schließt sich an und dann das Heimstadion der Fussballer. Danach beginnt das weitläufige Gelände des beliebten Campingplatzes „Eden“, wo besonders viele Deutsche überwintern. Der Holzweg mündet nun in einen hellen Kiesweg, der nach wie vor dicht am Hauptkanal entlangführt. Von diesem Wege aus kann man einige „Ullals“ entdecken, und auch Kormorane geben sich hin und wieder die Ehre. Am Ende des Kiesweges führt eine kleine Holzbrücke über einen schmalen Seitenkanal. Jetzt hat man die Wahl: Nach rechts gelangt man über ein paar hundert Meter zum Meeresstrand. Doch wir wenden uns nach links, wo der Weg über eine weitere Brücke mit einem kleinen Wehr führt. Wenn wir diesen Abschnitt, rechts und links mit meterhohem Schilf, durchquert haben, öffnet sich die Landschaft wieder, Fincas breiten sich aus, und wir sehen in naher Ferne schon das Kreuz, von dem aus wir die ganze Wanderung begonnen hatten.

Peter Schumann

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