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Du könntest doch getötet werden ...

Wenn ich beim Gehen den Blick starr auf den Boden richte, dann fallen mir auf eben diesem Stück Asphalt seitlich der Fahrbahnen erstaunlich viele Schrauben auf. Auch andere, von mir nicht genau zu bestimmende Teile liegen herum. Das reicht in der Größenordnung bis zu abgefahrenen Stoßstangen. Die Schrauben sind von unterschiedlichen Dimensionen, kleine, mittlere und sogar ziemlich große. Irgendwo an einigen der vielen an mir  vorbeifahrenden Fahrzeuge müssen sie doch fehlen. Mir wird ganz mulmig bei dem Gedanken.

Endlich führt ein abenteuerlich steiler, gerölliger Weg von der Straße hinab zum Dörfchen La Puebla de Alcolea. Laut Wanderführer hat das Örtchen nur noch fünfzehn bis zwanzig Einwohner. Platz wäre für deutlich mehr! Dem Besucher zeigt es sich zum einen mit handwerklich perfekt restaurierten Gebäuden, während andere Teile dem Verfall preisgegeben scheinen.

Diesem Dilemma der Dörfer mit den zwei Gesichtern begegnet man in den Bergen oft: entweder gut erhalten und liebevoll rekonstruiert oder Zerfall und Ruinen. Die Flucht der Dorfbevölkerung, natürlich vor allem der jungen, in die auswuchernden Städte am Meer ist ein Drama für die spanischen Bergdörfer.

Wie Kleinode sind die Bergdörfer in die Landschaft hineingebaut. Sie beherbergen oftmals unersetzliche Schätze an dörflicher Tradition, Architektur und Kunst. Nicht selten sind sie sogar in ihrer Gesamtheit ein wahres Kunstwerk und viele Hunderte Jahre alt. Doch Viehzucht und Ackerbau sind schwere körperliche Arbeit und bringen nicht mehr genügend Geld zum Leben; andere Arbeitsplätze gibt es in der Einsamkeit der Berge so gut wie nicht. Die jungen Leute gehen weg, die Alten bleiben hilflos und verzweifelt zurück. Die Häuser verkommen, die Felder und Plantagen verwildern. Der Tante-Emma-Laden schließt als erster, dann der Bäcker oder umgekehrt ...

Es dauert lange, bevor ich einen Bewohner finde. Es liegt wohl an der ungünstigen Tageszeit. Dann entdecke ich sogar gleich zwei, einen älteren Mann und eine Frau. Die Frau ist ziemlich klein. Doch auf höchstens einem Meter und fünfzig ist so viel Weib versammelt, dass es bequem auch für zwei gereicht hätte. Das Gesicht des Mannes ist zerfurcht wie die Berge rundum. Beide sind sehr erstaunt über mein Vorhaben und zeigen sich besorgt um mich, weil ich doch ganz allein unterwegs bin. Ich frage etwas erstaunt und wahrscheinlich auch naiv, was daran so gefährlich sein soll, denn die Frau sagt, ohne im Geringsten zu zögern:

„Eh, hombre, du könntest doch getötet werden unterwegs, und keiner merkt es.“

Na, toll! Solcherart mit frischem Mut ausgestattet, nehme ich noch weitere vier Kilometer in Angriff, wie es mir die beiden Einheimischen geraten haben. So gelange ich bis nach Torre de Arcas. Eine Serpentine löst auf dem Weg dorthin die nächste ab, in scheinbar endloser Folge, doch zum Glück geht es fast immer  bergab. Froh stimmt mich das trotzdem nicht. Aus Erfahrung weiß ich doch inzwischen nur allzu gut: Wenn es hinabgeht, steigt der Weg schon bald auch wieder an. Manche der Dörfer in dieser Region scheinen überhaupt nur diese beiden Bewegungsrichtungen zu kennen: hinauf oder hinab ...

(Auszug aus dem Buch "Ein Heide auf dem Jakobsweg")

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