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Fiesta - zehn Tage Ausnahmezustand

Fiesta patronales - zehn Tage im Ausnahmezustand

Die Stadt-Fiesta in Peñiscola kennt kein Ende eines Tages

Jeder Ort in Spanien, ob groß oder klein, hat seine eigene Fiesta – die sogenannte Stadtfiesta (Fiesta patronales). In aller Regel wird sie veranstaltet im Sommer oder Anfang Herbst jeden Jahres zu Ehren der oder des Stadtheiligen, den jeder Ort im katholisch geprägten Spanien nun mal hat. Peñiscola macht da keine Ausnahme, wobei Letzteres das richtige Stichwort ist, denn solch eine Fiesta ähnelt durchaus einer Ausnahme, sogar einem Ausnahmezustand.

Peñiscola führt die Fiesta patronales traditionell in der ersten Hälfte des Septembers durch. In diesem Jahr soll sie der anhaltenden Krise wegen zwei Tage kürzer ausfallen. Das wird ihrer Buntheit und Ausgelassenheit keinen Abbruch tun. Für die Händler und Gewerbetreibenden bedeutet es zwei Tage weniger, an denen sie ihre Geschäfte nur am Vormittag geöffnet haben dürfen.

Offizieller Beginn der Fiesta patronales ist in diesem Jahr (2013) der 7. September. Offiziell schreibe ich deshalb, weil die Fiesta wie in jedem Jahr eine Vorgeschichte hat, die weniger wahrgenommen wird, aber einfach mit dazugehört: Es beginnt schon am 31. August mit einer kleinen Veranstaltung, dem sogenannten Glockenläuten. Weitere folgen, darunter der erste Tag einer neuntägigen Verehrung der Stadtheiligen, nuestra Patrona y Señora la Virgen de Ermitana. Letztere steht auch im Mittelpunkt der folgenden Tage mit weiteren kleineren Veranstaltungen, zumeist Messen oder Gottesdienste, die von der breiten touristischen Öffentlichkeit relativ unbemerkt bleiben.

Dann geht es endlich „richtig“ los!

Der erste offizielle Akt ist die Verabschiedung der Fiesta-Königin und ihrer Ehrengarde vom vorangegangenem Jahr. Ort dieses Geschehens ist das Alte Rathaus von Peñiscola in der Altstadt. Durch deren Gassen findet im Anschluß daran ein bunter Marsch statt, der von Musikgruppen begleitet wird. Am späten Abend dann werden die neue Fiesta-Königin und die Damen ihres Geleits ernannt und vorgestellt. Ein grandioses Feuerwerk und Tanz bis in den Morgen runden die Eröffnung ab.

 
Tuba-Bläser bei der Fiesta in Peniscola Junge Mädchen in spanischer Tracht beim Tanz
Tanz in trditionellen Pferdchen-Kostümen Kinder in Kostümen der Moros
 
Alle folgenden Tage stehen jeweils unter einem bestimmten Motto wie etwa „Die Geburt der Jungfrau“, „Der Tag der Hausfrauen“, „Der Tag der Alten“, „Der Tag der Kinder“, „Der Tag der Touristen“ usw. Es wäre wohl langweilig, hier auf jeden einzelnen Tag und jede Veranstaltung eingehen zu wollen, so interessant sie bestimmt für sich allein alle wären. Es sind zehn ausgefüllte Tage, die kaum ein Ende kennen, denn morgens vier oder sogar fünf Uhr finden immer noch Spiele mit den Stieren statt.
Am ersten Sonntag der Fiesta ist wohl besonders für alle Einheimischen ein ganz bedeutender Tag. Es ist „Der Tag der Schutzheiligen“. Er beginnt mit einer Messe in der Kirche Santa Maria. Im Anschluss daran tragen die Einwohner gemeinsam mit Freunden und Gästen bunte Blumengebinde vom Rathaus zur Kirche, in der die Schutzheilige der Stadt „La Virgen de Ermitana“ ihren Platz hat. Die Jungfrau wird nun über und über mit all den Blumen geschmückt. Diese Tradition lebt hier natürlich insbesondere, weil Spanien noch immer – bei allem Wandel – ein zutiefst religiöses, katholisches Land ist. Im Anschluß daran vereint eine große Prozession durch die Gassen der Altstadt die Tänzer, die Trommler, die berühmten historischen Kostümpferdchen – genannt Cavallets -, die Pilger und die Moros und Christianos, also all die prägenden Gruppen der Fiesta, mit den Einwohnern und den Gästen der Stadt. Alle gemeinsam ziehen hoch zum Platz vor der großen Kirche, die zur ehemaligen Templerburg gehört, der Plaza de Armas. Hier entwickelt sich dann eine inszenierte Schlacht, die an die Reconquista erinnern soll – die Rückeroberung der spanischen muslimisch besetzten Gebiete durch die Christen. Folgerichtig müssen der historischen Genauigkeit zufolge die Christen gewinnen, obwohl es manchmal den Anschein hat, als hätten sich die Muslime, die Moros, geschickter und vor allem gewitzter angestellt.
Sobald die unblutige Schlacht geschlagen ist und die Christen die Oberhand gewannen, hält ein junger Christenkrieger – auf den Schultern zweier Männer stehend, die wiederum auf den Schultern von drei Männern Halt finden – eine flammende und bewegende Rede. Darin wird der Sieg ebenso gehuldigt wie der abschließende Appell für Frieden und Verständigung unter den Völkern. „Viva!“ ruft laut der junge Mann zum Schluss, und tausendstimmig hallt der Ruf des umstehenden Fiesta-Volkes zurück. Das muss man einfach einmal erlebt haben!
 
Ein dreifacher Turm aus Menschen in historischen Kostümen Männer in den historischen Kostümen der Muslim-Krieger
Gutgelaunte spanische Hausfrauen bei der Fiesta
 
Der nächste Tag steht unter dem Motto der Hausfrauen. Bemerkenswert ist hier ein Zug bunt und fantasievoll gekleideter Frauen unterschiedlichen Alters vom Campingplatz „Eden“ bis zum Platz unterhalb der Burg, wo eine Stierkampfarena errichtet ist. Die Frauen kommen singend und schwadronierend in der Arena an und besteigen gleich zur Sicherheit zwei Podeste in der Mitte. Dann wird ein junger Stier losgelassen. Nun, ich habe schon erlebt, wie das Tier behände auf das Podest mitten unter die Frauen sprang, die natürlich unter lautem Gekreisch in alle Himmelsrichtungen aus der Arena flohen. Dieses Jahr warf der junge Stier einen dicken Mann um, der nicht rechtzeitig hinter die Absperrstäbe kam, und attackierte ihn heftig. Zum Glück hatte das junge, ungestüme  Tier noch keine Hörner. Es ist nichts passiert. Der Dicke kam mit dem Schrecken davon und der Erkenntnis, dass man sich besser zurückhält oder eben schlanker ist, um schnell durch die Stäbe auf Distanz mit den Stieren zu kommen.
So vergeht einer nach dem anderen dieser wunderbaren Fiesta-Tage. Wenn man will, kann man den ganzen Tag und auch die Nacht bis zum frühen Morgen unterwegs sein. Die Veranstaltungen sind so dicht und zahlreich, dass man immer wieder etwas Schönes, Bemerkenswertes erleben kann. Nur die eigene Ausdauer setzt hier Grenzen.
 
Dichtes Menschengewimmel um eine Kapelle bei der Fiesta
Marschkapelle mit Tubas bei der Fiesta in Peniscola
 
Dann naht schließlich der Höhepunkt dieser erlebnisreichen Tage – der Einzug und der Auszug der Moros und Christianos. Es handelt sich dabei vor allem um einen Zug von Gruppen, die in die Kostüme der Muslime und der christlichen Ritter gekleidet sind. Diese bilden sogenannte Fijas, also - der strengen Marschordnung entsprechend - „Reihen“ genannt. Sieben bis neun Männer oder Frauen, in fantastische, farbenprächtige historische Kostüme gekleidet, verkörpern jeweils eine solche Fija, die davor von einem mit Krummsäbel oder Schwert parlierendem Anführer geleitet wird. Angekündigt wird jede dieser Reihen durch einen Standardenträger, dessen Flagge anzeigt, zu welcher historischen Gruppierung die jeweilige Fija gehört. Dazwischen jeweils große Musikkapellen, die aus allen umliegenden Orten extra nach Peñiscola kommen, und zur Auflockerung Tanzgruppen und Reiter auf feurigen Andalusier-Pferden. Natürlich gibt es auch eine Ehrentribüne. Auf der haben vor Beginn des Umzugs, der immer durch drei laute Böllerschüsse angekündigt wird, der Bürgermeister und seine Ehrengäste sowie die Fiestakönigin mit ihrem Gefolge an Ehrendamen schon Platz genommen.
 
Eine Reihe von Damen in der bunten Kleidung der Muslime Frauen in blauen Kostümen der Moros
Herrenreihe christlicher Krieger in roten Kostümen
 
Wenn der Zug beginnt – zum Beispiel beim Ausmarsch – hört der Zuschauer die Musik aus Richtung des Castillos schon lange vorher. Das dumpfe Trommeln nähert sich mehr und mehr; dann nimmt man schon Fanfarenklänge wahr. Die Spannung wächst. Getragene Melodien dominieren und begleiten den typischen, langsamen Wiegeschritt der Moros - der muslimischen Krieger. Dann kommt die Musik näher und schwillt zu ohrenbetäubender Lautstärke an. Auf Rädern gefahrene riesige Pauken und die zahllosen Trommeln geben her, was sie nur können. Dazu dröhnen vor allem Blechblasinstrumente wie Posaunen, Trompeten und Tuben. Querpfeifen und Klarinetten tönen hell dazwischen. Das Ganze geht so fast zwei Stunden lang. Man muss es gehört und gesehen haben.
Der ganze Zug endet auf dem zentralen Platz des kleinen Ortes Peñiscola, auf der Plaza de la Constitution. Hier wird feierlich zum Abschluß die valenzianische Hymne intoniert und von einem Chor gesungen. Wieder hallt ein mehr als tausendstimmiges „Viva!“ in den nächtlichen Himmel, und ein Feuerwerk über der Templerburg beschließt für dieses Jahr diese herrlichen zehn Fiesta-Tage. (alle Fotos vom Autor)
Peter Schumann

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