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Leseproben

 

Papa Lunas Fluchtburg

Keiner möchte hier ein zweites Mallorca

Die Altstadt von Peñiscola, sie mag etwa ein Viertel des gesamten Ortes einnehmen, liegt malerisch auf einem hohen Felsen im Meer, nur durch eine Landenge, eine schmale Straße, mit dem Festland und der übrigen Stadt verbunden. Oben, immerhin vierundsechzig Meter über dem Meeresspiegel, thront eine mächtige Templerburg. Sie hat dem Papst Benedikt XIII., dessen vollständiger Name Pedro Martinez de Luna y Gotor lautet, wie die gesamte Stadt 1411 bis 1423 als Zuflucht gedient.

Papa Luna, wie er vom Volke genannt wurde, war ein sogenannter Gegenpapst, weil er offiziell als abgesetzt galt. Es geschah zu Zeiten des großen abendländischen Schismas, also einer Kirchentrennung. Sie war von innerkirchlichen Auseinandersetzungen um die Macht gekennzeichnet. Damals existierten kurzzeitig zwei, sogar drei Päpste zur gleichen Zeit. Papa Luna betrachtete sich als den einzigen rechtmäßigen Stellvertreter Gottes auf Erden. Weil er die Abwahl nicht akzeptierte, musste er nach der Belagerung seines Papstpalastes, Gehorsamsentzug und anschließender Gefangenschaft ins Exil nach Spanien, nach Peñiscola, fliehen. Dort überstand er mehrere Anschläge und starb im Alter von 94 Jahren ungebeugt. So vermelden es jedenfalls die Chronisten.

Das untere Stadttor von PeniscolaPapa Luna, Benedict XIII., als sitzende Statue

Das untere Stadttor von Peñiscola zum Hafen und eine Statue von Papa Luna, Benedict dem Dreizehnten, der hier auf der Burg Asyl fand und starb

 
Im Sommer stürmen jetzt Touristenmassen friedlich die Burg. Sie soll nach der berühmten Alhambra im andalusischen Granada die zweithöchsten Besucherzahlen aufweisen. Wir sind froh, dass die Zustände trotzdem nicht denen auf Mallorca ähneln. Schildchen mit der dort gewohnten Aufschrift „Wir sprechen Deutsch!“ sind hier nicht die Regel, eher die Ausnahme. Wenn es sie dennoch gibt, dann stehen sie gleichberechtigt neben denen in anderen Sprachen.
Ja, die Spanier sind schon sehr speziell. Die Katalanen zum Beispiel haben sich vor gar nicht all zu langer Zeit in ihrer Verfassung sogar als eigene Nation definiert. Das ist doch eine verrückte Welt, wo alles wieder zurück will zur Kleinstaaterei mit allen ihren Nachteilen.
Manche Deutsche halten die spanische Mentalität nicht lange aus und kehren irgendwann dem Gastland wieder den Rücken. Besonders beklagen sie die Langmut der Einheimischen, wenn es etwa um die korrekte Einhaltung zugesagter Termine oder die termingerechte Erfüllung irgendwelcher Aufgaben geht. Manche Firmen machen da leider keine Ausnahme. Die Spanier sagen dann oft und gern mañana. Wörtlich übersetzt heißt das eigentlich deutlich und klar „morgen“; gemeint ist in der Regel aber irgendwann oder gar nicht.
Wir kommen nicht hierher, um die Spanier zu ändern. Was wäre das auch für eine Anmaßung! Wir wollen gar nicht, dass sie genauso sind wie wir Deutschen. Welch eine langweilige Vorstellung! Sie haben andere, liebenswertere Eigenschaften, die wichtiger sind. Das Anpassen und das Mühegeben liegen in diesem Falle doch sowieso auf unserer Seite. Wir sind zu Gast in einem anderen Land. Wir sind dankbar dafür, wie unbürokratisch und akzeptiert wir hier einen Großteil des Jahres leben können, obwohl wir Deutsche sind. Ja, obwohl, das sage ich ganz bewusst.
Viele meiner Landsleute, die hier schöne Ferienhäuser besitzen, reflektieren überhaupt nicht mehr, dass es anders sein könnte. Hat nicht Hitler im spanischen Bürgerkrieg General Franco massiv geholfen? Waren es etwa nicht faschistische deutsche Bomberstaffeln von der berüchtigten Legion Condor, die ohne Skrupel das spanische Städtchen Guernica dem Erdboden gleichmachten und obendrein auf flüchtende Frauen und Mütter mit Kindern schossen? Zuvor schon hatten die Bombenflugzeuge der Deutschen Wehrmacht Málaga, Alicante, Cartagena, Madrid und Toledo bombardiert! Franco hätte ohne Hitlers Hilfe den Bürgerkrieg, der über eine halbe Million Tote forderte und das ganze Land zerstörte, niemals gewinnen können.
 

Du musst nur fest daran glauben

Eine Weinprobe der ganz besonderen Art

Der nächste Tag beginnt endlich einmal ohne den Druck, gleich aufbrechen zu müssen. Meine Füße brauchen unbedingt intensive Behandlung und Ruhe. Trotzdem heißt es Wäsche waschen, Vorräte ergänzen, Handy aufladen, normal essen – also Obst und andere nahrhafte und gesunde Dinge. Selbst einen kleinen Spaziergang durch das sehenswerte Bergdörfchen ringe ich mir und meinen schmerzenden Füßen noch ab. Dabei will ich etwas mehr als sonst fotografieren und auch bereits den weiteren Weg erkunden. Zumindest möchte ich schon herausfinden, wo und in welche Richtung ich den Ort am folgenden Tag verlassen muss. Das spart Nerven und allerhand Zeit am Morgen.

Aus diesem Grunde spreche ich einen älteren Mann an, der vor seinem Haus mit einem Reisigbesen die Straße fegt. Ich grüße freundlich und frage nach dem kürzesten Weg nach Torrevelilla.

„Warte mal!“ sagt er, holt rasch ein Stückchen Kreide aus dem Haus und macht mir eine Zeichnung direkt auf das glatte Pflaster vor seiner Garage.

Dabei erzählt er mir, dass er aus Barcelona stammt. Schon wieder einer aus der katalanischen Hauptstadt, der aufs Land geflüchtet ist! Meine Neugier ist geweckt. Ich frage ihn, warum er denn aus Barcelona weg- und hierher gezogen ist. Noch ehe die Frage zu Ende gestellt ist, bemerke ich den falschen Ton in ihr. Es muss doch für den guten Mann so klingen, als hätte er wie Hans im Glück etwas Gutes gegen etwas viel weniger Wertvolles eingetauscht. Dabei kann er das Ganze, und zwar völlig zu Recht, genau andersherum sehen: Er ersetzt den schrecklichen Lärm, den Stress und die Hektik des riesenhaften Molochs Stadt durch die sagenhafte Ruhe und die Langsamkeit des Lebens hier. Nein, nein, er will nie mehr zurück. Hier gefällt es ihm viel besser. Sogar ein kleines Weinfeld besitze er ganz in der Nähe.

„Ich habe auf dem Weg nach Ginebrosa gar keine Weinfelder bemerkt“, sage ich etwas unüberlegt.

Ich konnte ja nicht ahnen, was ein solch leiser Zweifel, den der Alte aus meinen Worten heraushörte, bewirken sollte. Jetzt fordert er mich auf, in die Garage einzutreten. Der hintere, etwas abgetrennte Teil beherbergt so eine Art Weinkeller. Zumindest stehen beziehungsweise liegen hier einige respektable Weinfässer aus Holz. Ich denke, das größte konnte gut etwa 200 Liter fassen. Dazu gesellten sich ein paar kleinere um die hundert. Natürlich komme ich um einige Proben seiner privaten Kelterkunst nicht herum, doch ich füge mich gern in das Kosten und das damit verbundene weitere Gespräch über Wein, Gesundheit und erfülltes Leben.

„Meine Frau und ich“, sagt er, „wir trinken jeden Tag fast einen Liter Wein gemeinsam – aber, das ist ganz wichtig, nur gegen Abend und niemals ohne etwas dazu zu essen, niemals.“

Wie viel seine Frau von dem Liter abbekommt, sagt er mir natürlich nicht. Auf der Kühlerhaube seines Autos liegt eine alte Decke. Darauf trocknen Kräuter. Ich kenne sie aus den Hügeln der Irta. Ich glaube, es ist Rosmarin. Das heißt auf spanisch romero.

„Ja, ja“, sagt der Alte, „dieses Kraut ist gut gegen alle möglichen Affekte. Es durchpustet das ganze Atemsystem, wenn man inhaliert oder Tee davon trinkt. Das solltest du unbedingt mal ausprobieren!“

Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass romero mich den ganzen restlichen Teil meines Weges nach Santiago in einer ganz bestimmten Form begleiten wird. Es ist noch nicht Abend. Zu Essen haben wir im Augenblick auch nichts. Die Zeit ist demzufolge nicht günstig für weitere ausführliche Weinproben. Wir gehen also wieder nach draußen vor das Haus, wo er weiterkehrt.

„Es sind die Vögel“, sagt er. „Die Stare holen sich die reifen Oliven, fressen das Beste auf und lassen die Kerne mit dem Rest einfach fallen – auf die Straße hier, genau vor mein Haus.“

„Gibt es denn hier so viele Oliven?“ frage ich schon wieder völlig unbedacht.

„Aber natürlich“, meint er ganz überzeugt, „die meisten und die besten in ganz Spanien.“
Natürlich! Das hätte ich mir denken können!
Ich verlasse diesen zufriedenen Mann und weiß einmal mehr: Das Glück ist eine rein individuelle Geschichte. Es kommt nicht darauf an, dass du es wirklich hast. Vielmehr ist entscheidend, ob du es fühlst oder nicht. Wahrscheinlich reicht es aus, einfach fest daran zu glauben.
 
Das Dorf Ginebrosa aus der Ferne gesehen
 
Der Ort Ginebrosa im Unteren Aragon schon im Weggehen vom Höhenweg nach Torrevelilla her fotografiert
(alle Fotos vom Autor)

Mitglied einer unheiligen Familie

Fünf Brüder, vier Schwestern und Ich

Fragte mich jemand nach meiner ersten bewussten Erinnerung an mein Erdendasein überhaupt, dann sehe ich in die gutmütigen braunen Augen eines großen Hundes. Ich liege in meinem Kinderbett, er steht in dem schmalen Gang davor. Das Zimmer ist nicht groß. In jeder Ecke schlafen ein oder zwei meiner Geschwister. Ich sehe vor allem den riesigen Kopf des Tieres. Wenn ich mich noch ein wenig aufrichte, dann sind meine Augen auf der gleichen Höhe wie die seinen. Fast könnte ich ihn berühren, er mich natürlich auch. Doch er sitzt nur ganz ruhig da und schaut mich unverwandt an. Keinen Augenblick lang habe ich Angst.

Während der Hund bei uns ist, kümmert sich sein Herrchen – unser damaliger Hausarzt übrigens – im Elternschlafzimmer um meine Mutter. Sie erwartet ein weiteres Geschwisterchen von uns. Dabei sind wir doch schon sieben. Ich bin die Nummer sechs. Am Ende werden wir zehn sein. Eigentlich wären wir sogar elf, eine komplette Fußballmannschaft. Doch ein Brüderchen von mir überlebt im zarten Alter von zwei Jahren, als sich Deutschland noch mitten im selber angezettelten, schmutzigen großen Krieg befindet, eine schwere Krankheit nicht. Ich habe es nicht mehr kennen gelernt. Manchmal, wenn meine Mutter uns von ihm erzählte, weinte sie still vor sich hin – auch nach so vielen Jahren noch ...

Später, als ich dann in die Schule kam, befand ich mich also in der Gemeinschaft von fünf Brüdern und vier Schwestern. Das war eine nicht gering zu schätzende Macht in den üblichen Rangeleien und Durchsetzungskämpfen auf dem Schulhof und auf den Straßen unseres Viertels zwischen Schillerstraße und Gartenstraße. Wir spielten „Räuber und Gendarm“, „Völkerball“ und „Herr Fischer, wie tief ist das Wasser?“. Wir kannten uns aus mit Murmeln, Kreiseln, Drachen und selbst gebastelten Tretautos. Später dann ersetzten Fahrräder die vierrädrigen, wackligen Mobile.

Das erste eigene Fahrrad war für uns Kinder ein großer Traum. Zugleich lernten wir anschaulich und unmittelbar, dass man für die Verwirklichung eines Traumes etwas tun muss. Mein Vater besaß im Hofe unseres Miethauses eine kleine Werkstatt, quasi geerbt von meinem Großvater, der Uhrmacher war und nebenbei auch Fahrräder reparierte. Die Voraussetzungen waren also nicht schlecht zum Schrauben und zum Basteln, zumal mein Vater von Beruf Feinmechaniker war. Gern und mit großer Geduld brachte er uns alles bei, was ein Junge so handwerklich wissen musste. Wenn also irgend jemand in der Umgebung ein altes Fahrrad zu verschenken hatte oder einer der älteren Brüder sich verbesserte und sein altes Rad an den nächst Jüngeren abgab, dann war die Gelegenheit gekommen, den Traum zu verwirklichen. Aus Alt machten wir Neu! Mit vierzehn Jahren kannte ich jedes Tretlagerkügelchen und jede Schraube, die irgendwo an einem Fahrrad zu finden war.

 

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