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Rote Rosen, ein Buch und ein Schwert

Eine rote Rose, ein Buch und ein Schwert

Warum der Heilige Georg nach Montblanc kam

Diesmal führte uns ein Ausflug mit dem Auto ausnahmsweise in die nördliche Richtung von Peñiscola. Erster Orientierungspunkt war Reus, ein größerer Ort mit Flughafen, der sich etwas landeinwärts etwa auf der gleichen Höhe befindet wie die bekanntere Stadt Tarragona, die direkt am Meer liegt. Nachdem wir uns durch das Gewirr der Schnellstraßen rund um Reus einigermaßen hindurch- und die richtige Ausfahrt gefunden hatten, konnten wir nunmehr entspannt den Weg fortsetzen. Es ging über dreißig Kilometer immer mehr landeinwärts bis zum katalanischen Städtchen Montblanc in der Comarca Conca de Barberà.
 
Wir hatten uns diesen Ort und auch den Zeitpunkt unserer Reise nicht zufällig ausgesucht. Jedes Jahr findet in Montblanc um den 23. April herum eine mehrtägige Fiesta statt, die ihresgleichen in ganz Spanien sucht. Der 23. April ist der Namenstag des Sant Jordi, zu deutsch des Heiligen Georg. Dieser Namenstag wird allerdings in ganz Katalonien und auch anderswo in Spanien gefeiert. Das Besondere an der Fiesta in Montblanc ist, dass der Ort selbst schon wie aus dem Mittelalter überliefert wirkt mit seiner mächtigen, intakten Stadtmauern, die einst 31 Türme zierten und fünf Stadttore. Zwei der Stadttore fielen einer Durchgangsstraße zum Opfer, weil der zunehmende Verkehr der folgenden Jahrhunderte irgendwann durch die Enge der Tore nicht mehr zu bewerkstelligen war. Im 14. Jahrhundert erreichte der Ort als Herzogtum seine größte politische und auch wirtschaftliche Kraft und galt als siebtgrößte Stadt Kataloniens. Von dieser Bedeutung ist aufgrund mehrerer kriegerischer Konflikte und einem Reblausbefall, der die bis dahin dominierende Weinwirtschaft zum Erliegen brachte, nicht all zu viel übrig geblieben.
 
Portal der Kirche Santa María la Mayor im gotischen Stil in Montblanc Historische Schaukel in Form eines Drachen in Montblanc
 
Hauptportal der erzpriesterlichen Kirche Santa María la Mayor in Montblanc im gotischen Stil (14. bis 16. Jahrhundert; das Portal selbst stammt aus dem 17. Jahrhundert). - Im Foto rechts der Kopf einer historischen Kinderschaukel in Form eines Drachen
 
Heute leben im Städtchen Montblanc noch etwa 6.500 Einwohner. Doch diese legen großen Wert auf ihre historischen Wurzeln und bringen das während der Fiesta vom 19. bis zum 28. April zum Ausdruck. Die Stadtmauern und Türme sind mit den Flaggen der alten, ehrwürdigen Herrenhäuser geschmückt wie auch die meisten Geschäfte und Auslagen. Viele der Einwohner kleiden sich während dieser Tage in mittelalterliche Gewänder. Im Zentrum der Innenstadt, die seit 1947 unter Denkmalschutz steht, findet auf dem zentralen Platz vor dem Rathaus ein historischer Markt statt. Hier gibt es alles, was das Gebiet an kulinarischen Genüssen und handwerklichen Erzeugnissen so zu bieten hat – ein Fest für die Augen und den Gaumen.  Der mittelalterliche Charme der Aufmachung und Darbietung tut ein Übriges. Auch alte Handwerkskunst wird den zahlreichen Gästen auf dem Markt anschaulich demonstriert. Dann wundert sich der Besucher auch nicht, wenn plötzlich mit Pauken und Trompeten und lautstarkem Getrommel das Königspaar höchst selbst durch die Gassen schreitet – flankiert und begleitet von Standartenträgern, Fahnenschwenkern, Rittern hoch zu Ross, Hofnarren und weiteren Dienern und Mitgliedern des Hofstaats.
 

Der König und sein Gefolge beim Umzug in Montblanc Markttreiben in Montblanc zu Sant Jordi

Ritter hoch zu Ross beim Umzug Sant Jordi in Montblanc

Oben links der König mit seinem Gefolge, rechts das Markttreiben auf dem Hauptplatz und unten der Zug, der den König bei seinem Marsch durch die Stadt begleitete (Fotos vom Autor)

 
Es wird nunmehr Zeit, sich ein wenig um den historischen Hintergrund der ganzen Veranstaltung zu kümmern. Warum geht es hier um Sant Jordi, beziehungsweise den Heiligen Georg?  Dafür muss – wen wundert das – eine Legende herhalten, die sich um den Ort Montblanc und Sant Jordi rankt. Es gibt diese Legende in verschiedenen Variationen. Ich habe mir für diese Gelegenheit eine ausgesucht, die mir persönlich am besten gefällt:
 
Montblanc wurde einst von einem schrecklichen Drachen heimgesucht und bedroht. Alle Tiere waren dem hungrigen Drachen bereits zum Opfer gefallen. Dem König blieb nichts anderes übrig, als jeden Tag erneut einen Einwohner der Stadt durch Los zu bestimmen, der dem Drachen zum Fraß zugeführt werden musste. Eines Tages ereilte dieses grausame Schicksal die Tochter des Königs. Doch dann geschah ein Wunder! Als die schöne Königstochter gerade zum Drachen geleitet werden sollte, erschien ein mutiger Ritter, der sich dem Drachen zum Kampf stellte. Natürlich war das der Heilige Georg, also spanisch Sant Jordi, der in Gestalt eines Ritters erschienen war. Schließlich gelang es dem tapferen Ritter, den Drachen zu töten. Aus dem Blut des Ungeheuers, das in den Boden sickerte, erwuchs ein Rosenstock mit wunderschönen, blutroten Rosen. Als Dank soll die Königstochter dem Ritter ein Buch geschenkt haben.
 
Populärste Darstellung, wie Sant Jordi den Drachen tötet Teil der Stadtmauer von Montblanc/Tarragona
 
Der letzte Teil der Tragödie, die ja zum Glück ein versöhnliches Ende nimmt, weist uns auf einen weiteren Grund hin, warum diese Fiesta sich auf den 23. April fixiert. Es hängt mit dem Buch zusammen, welches der Ritter überreicht bekam. Der 23. April ist zugleich der Todestag von Miguel de Cervantes, Spaniens berühmten Dichter und Schriftsteller. Dessen Hauptwerk „Don Quijote“ machte ihn zwar weltberühmt, dennoch verstarb Cervantes am 23. April 1616 verarmt in Madrid. Vielleicht ist es auch eine Art späterer Wiedergutmachung, dass Spanien 1926 den Sterbetag des großen Dichters zugleich als „Tag des Buches“ ausrief. Nunmehr zeigt sich der Brauch in seiner Gesamtheit: Die geliebten Frauen bekommen von den Männern an diesem Tag in Katalonien eine rote Rose überreicht. Die Frauen wiederum schenken den Männern ein Buch. Diese Symbole bestimmen das äußere Erscheinungsbild der ganzen Fiesta rund um den 23. April. In den Schaufenstern der kleinen Geschäfte in der Altstadt sind sie ganz häufig zu finden: eine rote Rose und ein Buch. Oft liegt zur Erinnerung an den tapferen Ritter noch ein Schwert dabei. Die Übergabe der Rose lässt sich fast mit Bestimmtheit bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Geste der Königstochter dagegen, also die Übergabe eines Buches an den beherzten Ritter, wurde vielleicht erst viel später hinzugefügt, damit alles zueinander passt. Das soll uns nicht kümmern. Die mittelalterliche Fiesta in Montblanc lebt diese Legende in authentischer und mitreißender Weise. Wer jemals die Gelegenheit hat, zu dieser Zeit nach Montblanc zu kommen, der sollte das auf gar keinen Fall versäumen.
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