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Rückkehr nach Alcañiz

Einstmals ein wichtiger Ort des aragonischen Königreiches

Ich habe die vielen kleinen Dörfer und Städtchen auf "meinem" Jakobsweg nicht gezählt. Manche blieben in der Erinnerung, andere weniger. Einer der eindrucksvolleren Orte war für mich Alcañiz, gelegen im Bajo (niederen) Aragon und noch viele, viele Kilometer entfernt von dem bekannten Französischen Weg. Das Städtchen am Rio Guadalope zählt an die sechzehntausend Einwohner. Entstanden ist der Ort wahrscheinlich aus einer römischen Befestigungsanlage.

Ich hatte es auf eine besondere Art und Weise kennen gelernt. Ich pilgerte auf der schmalen Landstraße vom Nachbarort Castelserras, wo ich weder Zuspruch noch Nachtquartier fand, in Richtung Alcañiz. Die zusätzlichen acht Kilometer hatten meine Laune auf einen Tiefpunkt gebracht; die Nacht brach herein, und ich wusste noch nicht, wo ich schlafen sollte. Nach etwa der halben Strecke sah ich plötzlich ein gleißendes Lichtermeer verheißungsvoll am nächtlichen Himmel stehen - Alcañiz. Als ich endlich dort ankam wendete sich tatsächlich alles zum Guten.

Doch um diese Geschichte geht es hier nur am Rande, zumal es schon einige Jahre her ist. Doch in dieser ganzen Zeit wusste ich immer, dass ich zu diesem Ort irgendwann noch einmal zurückkehren wollte. Ich glaube heute, dies ist vor allem der damals fehlenden Zeit geschuldet. Alcañiz hat es nicht verdient, dass man einfach nur  hindurchrennt. Ich kam ja nachts, gegen 23.00 Uhr, im Städtchen an, kümmerte mich sogleich um ein Nachtquartier, legte mich schlafen und verließ am frühen Morgen bereits den Ort über eine Brücke am Rio Guadalope.

Die beeindruckende Burg von Calatrava

Heute ist alles anders. Wir fahren bereits gegen neun Uhr in Peñiscola los und haben keine Eile. Es sind bis Alcañiz nur rund 130 Kilometer. Das eine oder andere Dorf unterwegs schauen wir uns etwas genauer an. Erinnerungen kommen hoch. Das für mich Faszinierende bereits an der Fahrt ist ja mein Wissen darum, dass ich genau diesen Weg, den wir jetzt so mühelos mit dem Auto zurücklegen, vor einigen Jahren allein und zu Fuß bewältigt habe – es war „mein“ Jakobsweg, zumindest ein kleiner Teil davon.

Wenn man am Tage mit dem Auto nach Alcañiz hineinfährt, ist das natürlich wesentlich weniger spektakulär als damals meine nächtliche Ankunft. Immerhin – die Burg, das Castillo de los Calatravos, erhebt sich eindrucksvoll auf dem Gipfel des Cerro Pui Pinos über dem Ort und weckt das Verlangen, mehr davon zu sehen und zu wissen. Die Burg erhielt der Ritterorden von Calatrava als Dank für die tatkräftige Hilfe bei der endgültigen Vertreibung der muslimischen Besatzer aus dieser Gegend von Alfons II. Da die Burg heute in wesentlichen Teilen als Parador (Hotel) genutzt wird, ist es auch so ausgeschildert. Dennoch ist die Anfahrt durch die engen Gassen der Altstadt verwirrend, beinahe irreführend. Oben dann, wenn man die Zufahrtsstraße zum Burgtor gefunden hat, ist alles ganz einfach und viel, viel Platz. Wir haben Glück und können uns noch in letzter Minute einer Führung anschließen, die durch den nicht vom Parador belegten Teil der Anlage führt. Es handelt sich um eine Klosterburg. Aus dieser zweigeteilten Nutzung – also einerseits religiös-klösterlich und andererseits weltlich-militärisch – ergibt sich auch eine zweckgebundene, vielschichtige Architektur, die über eine romanische Kapelle, die barocke Hauptfassade bis hin zu maurisch-gotischen Säulengängen und Wandmalereien führt.

Frontansicht des Paradors in Alcaniz/Burg Calatravo

ein Eckturm der Burg Calatravo in Alcaniz Portal der Burg Calatravo in Alcaniz Innenhof des Klosters in der Burg Calatravo

Oben die Hauptansicht der Burg von Calatrava, die zu großen Teilen heute als Hotel genutzt wird. Unten links ein Eckturm der Burg, das Hauptportal und rechts ein Blick in den Innenhof des klösterlichen Teils der Anlage

Wir sind Teil einer relativ großen Besuchergruppe, die hauptsächlich aus einer Schulklasse besteht. Meine diesbezügliche Skepsis war völlig unangebracht. Ich habe selten so aufmerksame und disziplinierte Jungen und Mädchen, um die vierzehn Jahre alt, erlebt. Dabei sollte es noch besser kommen: Im letzten gotischen Saal hatte der junge Mann, der uns durch die Burg beziehungsweise durch den klösterlichen Teil der Burg führte, seine Erklärungen gerade beendet, als die Lehrerin der Schulklasse nochmals um Aufmerksamkeit bat. Sie sprach kurz mit zwei Mädchen, die traten ohne Ziererei und Verlegenheit vor die Gruppe und begannen zu singen. Es handelte sich wohl um ein mittelalterliches, religiöses Lied, vorgetragen in einem wunderbaren zweistimmigen Gesang von merklich ausgebildeten Stimmen. Das passte großartig in dieses Ambiente, und der anschließende verdiente Beifall fiel geradezu frenetisch aus. Das sind überraschende Augenblicke, die man manchmal im Leben, wenn man Glück hat, wie ein unverhofftes Geschenk erhält und für immer in der Erinnerung aufbewahrt.

Am Sonntag ist doch nie was los

Wir waren nicht mit hochgesteckten Erwartungen nach Alcañiz gefahren. Es war Sonntag. Von anderen Ausflügen wussten wir, dass normalerweise in den Dörfern und Städtchen mehr Ruhe noch als sonst herrscht und die meisten sehenswerten Gebäude wie Klöster, Kirchen, Museen geschlossen sind. Darauf waren wir eingestellt; ich wollte nur ein paar Fotos schießen – das wäre es schon gewesen. Noch konnten wir nicht ahnen, dass wir heute gleich doppelt Glück haben sollten. Wir fanden einen Parkplatz recht nahe am „Plaza de España“, dem zentralen Platz in der historischen Altstadt. Schon als wir uns auf die alles dominierende, barocke Stiftskirche „Santa Maria de la Mayor“ zu bewegten, hörten wir die getragene Musik einer Blaskapelle, die immer lauter wurde, je näher wir kamen. Der Platz vor der Kirche, deren riesige, hölzernen Tore weit geöffnet waren, der „Plaza de España“, die anliegenden Gassen, die Restaurants und Cafés – alles voller Menschen! Wir hatten, ohne es vorher zu wissen, ausgerechnet jenen Sonntag getroffen, an dem die Kinder der Stadt ihre Kommunion feierten. Nichts von sonntäglicher Ruhe und Tristess. Wir nahmen die Gelegenheit wahr und schauten uns die beeindruckende Stiftskirche an, die Prozession der Teilnehmer an der Kommunion, die einmal von der Kirche weg zu einer weiteren nahe gelegenen Kirche führte und wieder zurück. Die Jungs waren alle in schmucke Anzüge oder Uniformen gekleidet, die Mädchen trugen weiße, weitschwingende Kleider wie für einen Ball. Dazu Standarten, das mit Blumen geschmückte Podest mit der Schutzheiligen der Stadt, bunte Fahnen und die wunderschöne Musik der großen Blaskapelle.

Prozession zur heiligen Kommunion in Alcaniz

Teilnehmer der Kommunion in Alcaniz Blumenstreuer Prozession zur heiligen Kommunion in Alcaniz

Prozession der Mädchen zur heiligen Kommunion in Alcaniz

Stimmungsvolle Bilder von der Prozession anläßlich der heiligen Kommunion in Alcañiz

Später, als sich der größte Trubel gelegt hatte, unternahmen wir noch einen kleinen Spaziergang durch die Gassen der Altstadt, überquerten den zentralen, mittelalterlich anmutenden Platz, der von der großartigen Renaissancefassade des Rathauses und dem Säulengang der Warenbörse Lonja geprägt wird, und trafen schließlich auf den linken der beiden gewaltigen Ecktürme der großen Kirche.

Letzteres war kein Zufall, sondern mein Ziel. In den meterdicken, steinernen Mauern befindet sich eine relativ unscheinbare und kleine hölzerne Tür. Für mich barg diese kein Geheimnis: Dahinter führt eine schmale Wendeltreppe in die erste und zweite Etage des Turms. Hier befinden sich Notlager für Bedürftige inklusive Waschraum und Toilette, also für Landstreicher ebenso wie etwa für Pilger ohne Nachtquartier. Wieder meldet sich die Erinnerung, als wäre es gestern gewesen. Als ich damals am Morgen dieses Quartier und die Stadt verließ, war ich voller Dankbarkeit.

Heute müssen und wollen wir nirgendwo übernachten. Wir finden Platz im Café Praga und essen eine Kleinigkeit. Die Portionen sind von beachtlicher Größe und Qualität, die Bedienung überaus freundlich. Der abschließende Café con leche schmeckt hervorragend; der Preis für alles ist mehr als moderat. Zufrieden und gut gelaunt starten wir die Rückfahrt über ein Dorf, das auch noch auf meiner Wunschliste steht: Castelserras erwartet uns ... PS

Renaissancefassade des Rathauses und die Warenbörse in Alcaniz In der Altstadt von Alcaniz

Im linken Bildteil die wunderschöne Renaissancefassade des Rathauses, daneben schließt gleich der Bogengang der Warenbörse Lonja an und rechts eine Gasse der Altstadt von Alcañiz

Das Portal der Kirche Santa Maria Mayor in Alcaniz Innenansicht der Kirche Santa Maria de la Mayor in Alcaniz Der Autor vor der Tür zur Herbeerge im Eckturm der Kirche in Alcaniz

Die Bilder zeigen links das herrliche Barockportal der Kirche Santa Maria de la Mayor in Alcañiz, Mitte ein Blick in den Innenraum der Kirche - das Hauptschiff, rechts die kleine Holztür im linken Eckturm der Kirche, die zur Herberge führt, und davor der Autor. Unten ein Panoramablich auf den Nachbarort Castelserras. (alle Fotos vom Autor)

 Panorama von Castelserras

 

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