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Tudela und der Naturpark Bardenas Reales

Man nennt Tudela auch die Gemüsehauptstadt

Das eigentliche Ziel unseres Ausfluges war Pamplona. Doch von Zaragossa kommend, trifft der Reisende etwa einhundert Kilometer vor dem bekannten Stierlauf- und Jakobsweg-Ort ganz im Süden der Region Navarra auf das Städtchen Tudela. Ich kannte den über 30.000 Einwohner zählenden Ort bereits von meinem Jakobsweg. Doch damals kam ich müde vom Tagesmarsch an. Die einzige Pilgerherberge hatte wegen Baumaßnahmen geschlossen. Ich verbrachte also die Zeit mit der Suche nach einem kleinen Hostal, das ich bald auch fand. Duschen, in der nächst gelegenen Bar etwas gegessen und schlafen gegangen, am frühen Morgen weiter. Mehr war nicht drin. Doch an ein Detail konnte ich mich gut erinnern: in den Boden eingelassene bronzen glänzende Jakobsmuscheln, die dem Pilger den weiteren Weg durch die Stadt wiesen.

In Tudela weisen Jakobsmuscheln aus Bronze dem Pilger den Weg

Diesmal war mehr Zeit, den Ort zu erkunden. Die Bronzemuscheln fand ich schnell wieder und glänzte vor meinen Mitreisenden mit dem Wissen um ihren Zweck. Tudela liegt ja am Jakobsweg, wenn auch nicht am bekanntesten, dem Französischen Weg, sondern am Camino del Ebro, also dem Ebro-Pilgerweg. Der große Strom Ebro fließt hier breit und ruhig an der Silhouette der Stadt vorbei, aus der vor allem die mächtige Kathedrale Santa Maria hervorsticht. Sie wurde um 1180 auf den Resten einer Moschee errichtet und ist als nationales Denkmal eingestuft. Sie besitzt einen schönen romanischen Kreuzgang und ein eindrucksvolles gotisches Schiff. In ihrem Inneren ist besonders die Kapelle von Santa Ana zu erwähnen, die in ihrem Churrigueresquen (*) Barockstil 1948 restauriert wurde. Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer sehenswerter Kirchen in der Stadt. Von großer Dominanz ist auch ein anderes Monument, das auf den Fundamenten alter Burgruinen hoch über der Stadt errichtet wurde – das Sagrado Corazon (Heiliges Herz). Es handelt sich dabei um eine überlebensgroße Christusstatue. Tudela ist Bischofssitz und gilt als eine der wichtigsten spanischen Städte mit islamischen Ursprung. Letzteres kann man im engen Gewirr der Gassen, Passagen, Stadtmauern mit Türmen in der Altstadt gut nachempfinden. Für mehr als vierhundert Jahre lebten hier Muslime, Juden und Mozaraber (Christen unter muslimischer Herrschaft) friedlich zusammen. Die ausgezeichnete strategische Lage des Ortes machte ihn zuerst wichtig für die arabischen muslimischen Erbauer bei der Verteidigung gegen die christliche Rückeroberung; später erfüllte er den gleichen Zweck für die Könige von Navarra bei ihrer Behauptung gegen die Königreiche Kastilien und Aragon.

Oben Stadtansicht von Tudela mit der Kathedrale im Vordergrund (Foto von Miguel), unten links Altstadtgassen mit modernem Touch, rechts Werbung für das Museum für moderne Kunst in Tudela (Fotos vom Autor)

Ein Spaziergang durch die Gassen der Altstadt lohnt sich: Geschäfte und Bars im lebhaften Wechsel mit Stadtpalästen und anderen Sehenswürdigkeiten wie zum Beispiel der Kathedrale oder dem Plaza de los Fueros mit der wunderbaren Fassade des Rathauses im Neoklassizismus. Der weitläufige Platz bildet die Grenze der Altstadt zum neueren Teil der Stadt. Ursprünglich 1687 als Kampfplatz für die Stiere erbaut, ist er heute ein Ort der Begegnung und der Fiestas und deshalb außerordentlich beliebt bei den Einwohnern. Auf den Fassaden der Häuser rund um den Platz prangen die Wappen der verschiedenen Orte der Ribera (Weinanbaugebiet). Auch die 360 Meter lange Brücke über den Ebro ist einen Abstecher wert. Sie wurde auf den Fundamenten eines früheren muslimischen Baus mit siebzehn Steinbögen über den Strom gezogen. In der Altstadt gibt es auch ein Judenviertel. Dessen traurige Geschichte ist natürlich verbunden mit den Geschicken der Juden in ganz Spanien und der Rache-Politik von Ferdinand und Isabella der Katholischen, die nach der Einnahme des letzten Emirats von Granada 1492 massiv und schonungslos gegen Juden und Muslime vorgingen. So mussten an die dreitausend Juden 1498 die Stadt und Spanien verlassen; später erging es den Mauren genauso, und selbst die Morisken (konvertierte Mauren) wurden nicht für immer geschont. Tudela sollte wie ganz Spanien nach dem Willen der Kirche „rein“ katholisch sein. Möglicherweise gelang das in Bezug auf den Glauben. Die Ein- und Auswirkungen jedoch einer über 700 Jahre andauernden Gegenwart der Mauren sind in den Künsten und in der Literatur, der Sprache, dem Handwerk, der Landwirtschaft und der Architektur bis hin zum privaten Leben des Volkes nicht mehr auszulöschen. Vielleicht denkt der Besucher auch daran, wenn er am Abend in einer der vielen Bars oder in einem Restaurant sitzt und sich die viel gepriesenen Gemüsesorten aus der Ribera munden läßt. Am besten, er bestellt das berühmte Menestra, ein Gemüsegericht aus Erbsen, Spargel, grünen Bohnen, Mangold, Artischocken und getrocknetem Schinken. PS

(* Churrigueresquer Stil: Stil des spanischen Hochbarocks, geprägt von der Familie Churriguera aus Kastilien, gekennzeichnet durch überschwängliche Dekoration. Die Familie Churriguera, die auf die Gestaltung von Altären und Altarbildern spezialisiert war, empörte sich damit gegen den fast schmucklosen und nüchternen Herreresque Klassizismus.)

 

Abstecher zum Naturpark Bardenas Reales

Vom Wein- und Gemüseland in die Halbwüste

Größer könnten die Gegensätze nicht sein. Wir kommen aus der Ribera, die berühmt ist für die Vielfalt und Qualität ihrer Gemüsesorten und für den Wein, der hier hervorragend wächst und gedeiht. Nur 25 Kilometer von der Gemüsehauptstadt Tudela entfernt, befinden wir uns in einer Halbwüste beträchtlichen Ausmaßes – dem Naturpark Bardenas Reales. Dessen Fläche beträgt immerhin 42.500 Hektar und birgt ein Schauspiel der Natur, das seinesgleichen sucht: Durch die Erosion von Lehm-, Kalk- und Sandböden über Millionen Jahre hinweg erschufen Sonne, Wind und Wasser in Form von Regen die unglaublichsten Gebilde in monumentaler Größe und Einzigartigkeit – eine Art unwirkliche, wilde Mondlandschaft mit Schluchten, schroffen Erhebungen, Hügeln und Hochebenen. Das veranlasste die UNESCO, dieses Gebiet zum Biosphärenreservat zu erklären.

Wir kamen hierher mit dem Bus. Dieser hat nur eingeschränkte Zugangsmöglichkeiten, was mit der Qualität und Verlässlichkeit der wenigen festen Straßen zu tun hat. Wir stiegen aus, gingen ein Stück, bewunderten dieses und jenes Objekt, machten Fotos und fuhren weiter bis zur offiziellen Touristeninformation. Der individuelle Tourist hat ungleich mehr Möglichkeiten, das Gebiet zu erkunden, sei es zu Fuß, mit dem Fahrrad, zu Pferde oder mit dem Auto. Für all das gibt es ausgeschilderte Routen, die insgesamt über 700 Kilometer ausmachen. Der aufmerksame Beobachter kann drei unterschiedliche Bereiche erkennen, die wegen ihrer spezifischen Beschaffenheit auch in drei Naturschutzgebiete eingeteilt sind. Eine ruhige Zone mit sanften Hügeln wird sogar landwirtschaftlich genutzt (El Plano). Das spektakulärste Gebiet ist La Bardena Blanca. Hier schießen die Touristen die meisten Fotos und auch für Filme bildete es schon oft die Kulisse. Den Gegensatz zu La Bardena Blanca bildet natürlich La Bardena Negra, weil hier die Landschaft, wie es der Name verheißt, dunkler wird. Grund dafür ist die einzige Vegetation, die es hier gibt: Kiefernwälder mit struppigem Unterholz, das einigen Tieren wie Füchsen, Wildkatzen und Ginette-Katzen Unterschlupf bietet. Ansonsten gibt es noch Adler, Geier und Uhus, Großtrappen, Reptilien und Amphibien. Zu einer wahren Tierinvasion kommt es jedes Jahr am 18. September. Es ist die Sanmiguelada. Da werden traditionell Tausende von Schafen auf dem Weideweg Cañada de los Roncales aus den Tälern der Pyrenäen abgetrieben, um den Winter im Naturpark Bardenas Reales zu verbringen. PS

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