Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen

Über Papst Benedikt XIII., genannt Papa Luna

Er blieb sich selber treu und Papst beziehungsweise Gegenpapst, so lange er lebte

Der Besucher, der nach Peñiscola kommt, wird ihm unweigerlich begegnen. Wahrscheinlich auf einem Spaziergang durch die wunderbare Altstadt, deren schmalen Gassen und Treppen alle hinaufführen zur mächtigen Templerburg. Links vom Haupteingang zur Burg steht sein Thron, mitten hineingesetzt in den schroffen Fels. Hier sitzt er und segnet die Stadt und ihre Einwohner, die treu zu ihm hielten und ihm halfen in der Not. Doch wie um alles in der Welt ist er überhaupt hierher gekommen? Es ist eine schier endlose, eigentlich tragikomische Geschichte von Macht und Einfluss mit – wenn es nicht um die Kirche selber ginge – recht wenig religiösem Bezug. Es ging in die Literatur und die Geschichtsbücher ein unter dem Begriff „das große abendländische Schisma“.

Der Ausdruck Schisma oder Glaubensspaltung bezeichnet die Spaltung innerhalb einer etablierten religiösen Glaubensgemeinschaft ohne Ausbildung einer neuen theologischen Auffassung. Wikipedia

Der Streit kam aus dem Inneren der Kirche selbst, was ungewöhnlich war, denn in der Regel trugen die weltlichen Herrscher wie Kaiser und Könige Zwietracht in die Glaubensgemeinschaft, weil sie Einfluss nehmen wollten auf die Päpste und die Papstwahl – oft durchaus auch mit ökonomischem Druck und sogar kriegerischen Mitteln; Mord und Totschlag durchaus inbegriffen. Doch dieses Mal war es die Kirche selbst, die sich nicht einig werden konnte über die Frage, ob der Papst nun in Frankreich, in Avignon, oder in Italien, in Rom, zu Hause sein sollte. Die ganzen Ränkespiele, unlogische Entscheidungen, Provinzialismus und Machtmissbrauch, die schlussendlich dazu führten, dass sowohl ein Papst für Rom als auch einer für Avignon gewählt wurden, lasse ich hier einmal weg. Man kann das gut bei Wikipedia nachlesen. Es genügt, irgend einen Namen eines Papstes aus dieser Zeit einzugeben, und man erfährt die unglaublichsten Geschichten.

Burg-Schloss der Familie de Luna in Illueca, Geburtsort von Pedro de Luna (Archivo fotografico del Gobierno de Aragon)

Turbulente Zeiten für Pedro de Luna

Verlassen wir vorerst diese unrühmlichen Vorfälle in der katholischen Kirche und widmen uns dem Titelhelden dieser Geschichte: Sein Name war Pedro Martinez de Luna y Gotor, in der Kurzform Pedro de Luna. Geboren wurde er 1342/43 in Illueco, einem verhältnismäßig kleinem Ort mit etwas über dreitausend Einwohnern in der Nähe von Zaragossa. Da er adligen Geschlechts war, absolvierte er üblicherweise zuerst eine Militärkarriere, bevor er in Montpellier Jura studierte. Vielleicht war es ja der Einfluss seines Onkels, Kardinal Gil de Albornoz, dass er sich auf Kirchenrecht spezialisierte und seinen Professor auf diesem Gebiet machte. Und ganz sicher brachte dieser ihn auch in die unmittelbare Nähe des Papstes. Inzwischen war er zweiunddreißig Jahre alt, als er von Papst Gregor XI. zum Kardinaldiakon erhoben wurde. Gregor XI. beendete ja bekanntlich das Papstexil in Avignon und ging nach Rom zurück. Pedro de Luna begleitete ihn. 1378 starb der Papst. Sein Todesjahr sollte ein sehr turbulentes werden – auch für Pedro de Luna. Erst nahm er im April an der Papstwahl Urban VI. teil, die jedoch wegen des unberechenbaren Verhaltens des neuen Papstes umstritten war. Die Einsicht, dass Urban VI. in dem höchsten Kirchenamt nicht tragbar war, fiel dem Kardinal Pedro de Luna nicht leicht. Er hielt lange zu ihm, bis er schließlich doch auf die Seite der meuternden Kardinäle wechselte, die Urbans Wahl für ungültig erklärt hatten. Das war im Sommer des selben Jahres. Ende September nahm Pedro de Luna nun auch an der Wahl Clemens VII. teil. Doch Urban sah sich als rechtmäßiger Papst und ließ sich nicht darauf ein, zurückzutreten. Weil Clemens VII. es nicht gelang, den Vatikan und ganz Rom zu erobern, und er obendrein aus der Engelsburg vertrieben wurde, blieb ihm schließlich nur die Flucht nach Avignon. Als sein Legat, also sein bevollmächtigter Gesandter, folgte ihm Kardinal Pedro de Luna und blieb ebenso treu an seiner Seite wie vorher beim Papst Gregor XI. Die Aufgabe, die er erfüllen sollte, war nicht leicht: Er sollte dafür Sorge tragen, dass alle vier hispanischen Königreiche, und zwar Kastilien, Portugal, Aragon und Navarra, dem Papst in Avignon die Treue hielten. Ob und wie ihm das gelang – darüber gibt es unterschiedliche Aussagen.

Das Schisma dauerte neununddreißig Jahre

1394 starb Clemens VII. Wie angesehen Kardinal Pedro de Luna war, zeigte sich nun darin, dass er ohne eine einzige Gegenstimme zum neuen Papst gewählt wurde. Als Papst gab er sich den Namen Benedikt XIII.; Papa Luna nannte ihn das einfache Volk. Fünf Jahre vorher, also 1389, war bereits der ungeliebte Papst Urban VI., der in Rom residierte, gestorben. Man erzählte sich, sein Tod hätte im Vatikan Freude ausgelöst. Ob er eines natürlichen Todes starb oder von seinen Feinden vergiftet wurde, ist ungewiss. Sein Nachfolger wurde Bonifatius IX. Es blieb also bei den zwei Päpsten, und das Schisma dauerte insgesamt 39 Jahre. In dieser Zeit wurden insgesamt sechs Gegenpäpste ernannt. Pedro de Luna als Papst Benedikt XIII. war der bedeutendste unter ihnen.

 

Links die Krönung Benedikt XIII. (gemeinfrei) und rechts das Wappen des Luna-Papstes (von Alexander Liptak)

Im Grunde gegensätzlich, dennoch gleichberechtigt und manchmal sogar einig – zum Beispiel in der Frage eines neuen Kreuzzuges gen Jerusalem – regierten die beiden Päpste in Avignon und Rom. Doch mit dem Tode des französischen Königs Karl V. im Jahre 1380 begann der Stern von Papa Luna zu sinken. Karls Sohn, Karl VI. vertrat eine andere Politik als sein Vater und wandte sich nach und nach von Benedikt XIII. ab. Schließlich arbeitete er offen gegen ihn, indem er den deutschen König Wenzel dazu ermunterte, das Schisma endlich zu beenden. Erstmals wurde nun öffentlich der Rücktritt beider Päpste gefordert. Pedro de Luna wies das entschieden zurück, obwohl er bei seiner Wahl versprochen hatte, diesen Schritt zu tun, falls es die Einheit der Kirche gebieten würde. In der Folge belagerten französische Truppen sieben Monate lang seinen Palast in Avignon, um ihn zu beugen. Nur fünf seiner Kardinäle blieben ihm in dieser schwierigen Zeit treu. Erst das Einschreiten seines Landesherren, Martin I. von Aragon, konnte die Belagerung beenden und in eine Ehrenhaft umwandeln, aus der Pedro de Luna jedoch nach fünf Jahren floh. Nun zog er mehrere Jahre lang durch Frankreich und verlor dabei immer mehr an Unterstützung (Sizilien, Kastilien, Navarra und die Provence). Zu einem Treffen mit den anderen Päpsten kam es dabei nicht. Die Mehrzahl steht hier deshalb, weil in Rom bereits mehrere Päpste aufeinander gefolgt waren, und zwar Bonifatius IX. auf Urban, Innozenz VII. auf Bonifatius und Gregor XII. auf Innozenz. Die römische Seite hatte auch keinerlei Interesse an einer solchen Begegnung. Erstens fürchtete man die Klugheit und Scharfsinnigkeit Pedro de Lunas, der den anderen Päpsten als jeweils überlegen galt, und zweitens wollte man ein dadurch drohendes Erstarken des französischen Papstwesens auf jeden Fall verhindern.

Höhepunkt des Schismas mit zeitweilig drei Päpsten

Am 25. März 1409 trafen sich sieben Kardinäle von Papst Gregor und siebzehn von Papst Benedikt in Pisa zu einem Konzil, setzten die Päpste von Rom und von Avignon ab und wählten den Erzbischof von Mailand, Petros Philargis de Candia, zum Papst. Dieser nannte sich Alexander V. Da sich aber die beiden anderen Päpste weigerten zurückzutreten, hatte die Christenheit nun drei Päpste. Nachfolger Papst Alexanders wurde 1410 Baldassare Cossa als Johannes XXIII. Wikipedia

Nun kam auch noch der ungarische König Sigismund ins Spiel. Er wurde 1410 auch König von Deutschland und hatte nun Ambitionen auf den Kaisertitel. Dazu wollte er, sozusagen als Autoritätsbeweis, das Schisma endgültig und für immer beenden. Er traf sich mit Papst Johannes XXIII. und zwang ihn zur Einberufung des berühmten Konzils von Konstanz. Johannes floh aus Konstanz, wurde gefangen genommen, für abgesetzt erklärt und in den Kerker geworfen. Gregor XII. dankte mehr oder weniger freiwillig ab. Benedikt XIII. widersetzte sich solchem Ansinnen und ließ sich auch von König Sigismund nicht dazu bewegen. Er begründete das nicht ganz zu Unrecht damit, dass er schließlich als Einziger noch vor dem Schisma zum Kardinal ernannt worden war und er damit der einzig legale Papst sei. Beachtet man obendrein, dass Pedro de Luna als Papst Benedikt XIII. seit 1394 ununterbrochen in Avignon residierte, und schaut man dann auf das Kuddelmuddel an Papstfolgen in Rom, möchte man ihm gerne Recht geben. Doch die Machtkonstellationen waren damals eben anders, was dazu führte, dass er vom Konzil 1417 ebenfalls abgesetzt wurde.

Die Templerburg von Peñiscola, Zufluchtsort des Luna-Papstes (Foto vom Autor)

Pedro de Luna, der inzwischen über verschiedene Stationen (u.a. Barcelona) nach der Burgfestung Peñiscola, die ihm der Montesa-Orden anbot, im Golf von Valencia geflohen war, bestand jedoch auf seinem Titel. Wenige Monate später wählte das Konzil in Konstanz am 11. September 1417 Oddo di Colonna zum einzig rechtmäßigen Papst. Damit war das Schisma beendet. Man muss wohl besser sage: Es wurde einfach als beendet erklärt. Benedikt XIII., genannt Papa Luna, interessierte das nicht. Er rief seine Burgfestung in Peñiscola als die „Arche Noah der wahren Kirche“ aus. Bei Wikipedia kann man nun lesen, dass Benedikt XIII. mit 80 Jahren von der Welt vergessen starb. Dem möchte ich doch widersprechen. Wenn Pedro de Luna von der Welt vergessen war, wieso wurde dann ein Jahr nach der Papstwahl, also im Jahre 1418, ein Giftanschlag auf ihn ausgeführt, den er nur knapp überlebte? Pedro de Luna richtete sich auf der Burg von Peñiscola ein. Er unterhielt dort eine stattliche Bibliothek von mehr als tausend Bänden. Nach seinem Tode gelangten die meisten Bücher in die Bibliothek des Vatikans und in das Colegio de Foix und National in Paris. Außerdem beteiligte sich der Papst am intensiven Verteidigungsausbau der ehemaligen Templerfestung. Das Tor zum Hafen (Sant Pere) geht auf seine Initiative zurück. Es zeigt über seinem Schlussstein im breiten, flachen Bogen die Wappen des Papstes. Benedikt XIII. lebte in Peñiscola nicht wie ein Gefangener. Hier war er anerkannt und beliebt und nahm auch am allgemeinen gesellschaftlichen Leben teil. Immerhin wurde er in seiner Haltung und Einstellung von Aragonien unterstützt. So ist zum Beispiel überliefert, dass er bereits 1414 mit fünf Kardinälen und einigen Bischöfen unterwegs nach Sant Mateu war, wo eine Cortes, eine königliche Ratsversammlung, abgehalten wurde, an der er teilnahm. Er soll auf dem Wege dorthin im Kloster Vallivana übernachtet und in der kleinen Kirche einige Gebete verrichtet haben. Das Kloster ist heute zweckentfremdet, aber im Prinzip noch vorhanden, und auch die Kirche ist weiterhin aktiv und beheimatet heute die Schutzheilige vom Bergdorf Morella.

Das Denkmal von Benedikt XIII., genannt Papa Luna (Foto vom Autor)

Sollte die Welt tatsächlich diesen aufrechten, hartnäckigen Mann vergessen haben, so wird er noch heute dafür entschädigt. Die Einwohner von Peñiscola setzten ihm ein Denkmal. Benedikt XIII. sitzt, mit allen Insignien des Papstes geschmückt, auf seinem Thron, der mitten hineingestellt wurde in den schroffen Fels der Templerburg. Er hält die segnende Hand über die Stadt und ihre Einwohner. Die Besucher der Burg gehen durch die Räume, in denen Pedro de Luna bis zu seinem Tode im Jahr 1423 lebte und arbeitete. Bevor er jedoch starb, hatte er noch vier Kardinäle ernannt, die seine Nachfolge sichern sollten. Drei der Kardinäle wählten Gil Sanchez Muñoz y Carbon zum neuen Papst (Gegenpapst). Er nannte sich Clemens VIII. und residierte wie zuvor Papa Luna von 1423 bis 1429 auf der Burgfestung von Peñiscola. Dann erklärte er in der Erzpriesterkirche von Sant Mateu seinen freiwilligen Verzicht auf die Papstkrone, um das abendländische Schisma endgültig zu überwinden. Der vierte Kardinal, der während der Wahl abwesend war, erklärte sich mit Clemens VIII. nicht einverstanden und bestimmte später selbst einen weiteren Gegenpapst zum Gegenpapst. Dies hatte jedoch weder kirchengeschichtlich noch praktisch irgend welche Folgen und wird heute lediglich als Auswuchs der Gegenpapstwahl und als Kuriosum angemerkt.

Ein langer, langer Leidensweg

Zurück zu Papa Luna, dessen Leidensweg sich auch nach dem Tode fortsetzte. Zuerst wurde er auf der Burg von Peñiscola bestattet. Ein Neffe von Benedikt XIII., Johannes de Luna, sorgte jedoch dafür, dass Pedro de Luna in seine Geburtsstadt Illueco überführt wurde (1430). Während der Napoleonischen Kriege 1811 schändeten französische Soldaten das Grab und warfen den Leichnam zum Fenster hinaus. Später konnte man nur noch den Schädel retten. Diesen kann man heute im ehemaligen Palast de Luna in Illueco besichtigen. Sein Grabmal existiert nicht mehr. Selbst der Schädel des Papa Luna fand keine Ruhe. Diebe entwendeten ihn im April 2000 und stellten Lösegeldforderungen. Schließlich kam der Schädel zurück. Das bereits erwähnte Denkmal des Papstes Benedikt XIII., den das Volk Papa Luna nannte, auf der Burg von Peñiscola strahlt genau jene Ruhe aus, die dieser bemerkenswerte Papst an seinem Lebensende verdient hat.

Peter Schumann

(Fakten und Daten aus Wikipedia und der kleinen Broschüre „Das Schönste von Peñiscola“)

Nach oben