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Villafamés und der Koloss von Castellon

Der stattliche Felsbrocken von Villafamés und der Koloss von Castellon

Eine Geschichte von Wirklichkeit und Größenwahn

Rund vierzig Kilometer südlich von Peñiscola und etwa dreißig Kilometer landeinwärts befindet sich das zauberhafte Städtchen Villafamés. Es gehört wegen seiner guten Erreichbarkeit neben Morella zu jenen Bergorten, die wir gelegentlichen Besuchern aus Deutschland gern zeigen. Der eine wie der andere Ort beweist anschaulich, dass Spanien mehr zu bieten hat als schöne, lange Sandstrände und das blaue Meer. Schon die Fahrt nach Villafamés kann man so gestalten, dass die Nähe zum Meer eher gemieden wird. So erspart man sich die etwas langweilige und oft wegen des hohen Verkehrsaufkommens an großen Trucks auch anstrengende Fahrt auf der Nationalstrasse und benutzt lieber mehr oder weniger parallel verlaufende kleinere Strassen im Inneren des Landes. Der Reisende nimmt ein paar Kilometer mehr in Kauf und genießt dafür wunderschöne Landschaft und ruhiges Fahren.

Vorbei führt die Tour am Örtchen Benlloch. Der Name dieses kleinen Dörfchens ist seit ein paar Jahren mit dem größten Schildbürgerstreich in der ganzen Comunidad Valenciana verbunden – einem fertigen neuen Flughafen, von dem kein einziges Flugzeug fliegt. Verantwortlich für den ganzen Schlamassel soll der lokale Politiker Carlos Fabra sein, der den Flughafen aus Prestigegründen für 150 Millionen Euro mit Einverständnis des damaligen Ministerpräsidenten Francisco Camps hat bauen lassen. Doch das genügte dem Provinzfürsten nicht. Er beauftragte den weit über die Grenzen Spaniens bekannten Künstler Juan Ripollés, am Eingang zum Flughafen, inmitten eines typisch spanischen Kreisverkehrs, eine riesige Statue von 24 Metern Höhe als sein Ebenbild für 300.000 Euro zu errichten. Man munkelt, die Statue, die den offiziellen  Namen „El Hombre Avión“ trägt, sei voller Anspielungen auf den Charakter des Auftraggebers, gegen den eine gerichtliche Untersuchung wegen Korruptionsverdacht und Steuerhinterziehung läuft oder lief. Das große, silberne Flugzeug, das den Kopf der Statue ziert, kann man nur als Witz auffassen. Carlos Fabra soll einem Journalisten, der bei der Eröffnung die Frage stellte, warum hier keine Flugzeuge zu sehen seien, Folgendes geantwortet haben:

„Dies ist ein Flughafen für die Menschen. Jeder Bürger kann ihn kostenlos besuchen und herumspazieren. Das wäre so nicht möglich, wenn hier ständig Flugzeuge starten und landen würden.“

Eine riesige Statue aus Bronze, Gestalt mit vier Gesichtern und einem Flugzeug auf dem Kopf Ein Detail, die Hände, der Statue von Juan Ripolles

Die 24 Meter hohe Statue "El Hombre Avión", vom spanischen Künstler Juan Ripollés geschaffen, steht am Eingang des neuen Flughafens bei Benlloch, von dem bisher kein einziges Flugzeug flog.

Von der Statue des Flughafens, im Volksmund nunmehr „Koloss von Castellon“ genannt, sind es nur noch wenige Kilometer bis nach Villafamés. Der Ort wird ja bereits in dem Beitrag auf dieser Homepage, der sich mit den Flüchtlingen in der Höhle von Bolimini befasst, einige Male erwähnt. Leider war dort nicht Raum genug, ihn etwas näher vorzustellen. Das möchte ich hier nachholen. Villafamés verdient das. Es schließt sich hier auch der Kreis zum Koloss von Castellon. Eingangs des Städtchens gibt es nämlich einen kleinen, wenig beachteten Park, der ebenfalls eine Statue vom Künstler Ripollés beherbergt. Diese ist natürlich wesentlich kleiner. Sie passt zum Park und seiner Umgebung und trägt unverwechselbar die Handschrift des Künstlers – wie am Flughafen formte er auch hier eine Gestalt mit mehreren Gesichtern.

Fernansicht des Städtchens Villafames

Bei den meisten Bergdörfern beginnt man seinen Rundgang im unteren Teil des Ortes. Hierzu bietet sich der Plaza de la Fuente an. Aus der Quelle darf man leider nicht trinken. Doch das macht nichts; es gibt am Platz eine Bäckerei und eine Bar, wo man für kleines Geld gegen Hunger und Durst etwas tun kann. Auf dem Plaza kann man – falls man Glück hat – sogar parken. Oberhalb der Quelle führt rampenartig eine Straße in den höher gelegenen Teil des Ortes, Richtung Burg. Bevor man jedoch nach oben geht, sollte man das kleine Geschäft besuchen, das eine Mischung aus Andenkenladen und Antiquariat darstellt. Der stets gut gelaunte Besitzer ist nicht nur an jedem Gespräch interessiert, er versorgt darüber hinaus jeden Touristen sofort mit kleinen Prospekten über Villafamés. Die gibt es in mehreren Sprachen und sie taugen sehr gut dazu, einen gezielten, darin vorgeschlagenen Rundgang zu unternehmen.

Schon ein Stück weit diese Straße hinauf, stößt der Besucher auf die erste überraschende Sehenswürdigkeit. Die Häuserzeile, die sich an den roten Sandsteinfels drängt, weist plötzlich eine Lücke auf. Hier, auf der schrägen Fläche des Felses, „ruht“ ein riesiger Felsbrocken. Er macht durchaus den Eindruck, als könne er jederzeit auf die Straße rutschen. Doch eine kleine Tafel informiert den Vorübergehenden, dass die 832 Kubikmeter und 2.163,2 Tonnen fest fixiert sind und keine Gefahr bilden. Vorbei an diesem ungewöhnlichen Fels geht es hinauf bis zum Hotel El Rullo. Hier soll man gut speisen können; getestet haben wir es nicht.

In den Strassen von Villafames ruht dieser mächtige Felsbrocken Eine Gasse nahe des Kirchplatzes von Villafames

Der mächtige Felsbrocken in Villafamés und eine Gasse direkt an der Kirche

Laut der kleinen Informationsbroschüre aus dem Lädchen, beginnt hier der eigentliche Rundgang. Eine schmucke, romantische Gasse, in der einige Häuser direkt auf den Fels gebaut sind, führt zur Pfarrkirche La Iglesia de la Asunción aus dem 16./17. Jahrhundert. Das schöne Portal lohnt eine nähere Betrachtung. Die Kirchengasse geht es weiter hinauf bis zur Plaza de la Sangre und von dort über eine breite Treppe hinauf bis zur Burg. Es ist eher eine Ruine, deren ältesten Teile aus dem 14. Jahrhundert stammen. Die wechselvolle Geschichte zieht sich hin von den ursprünglichen arabischen Erbauern über die Eroberung durch König Jaime I., den Besitz durch zwei Kreuzritterorden (Montesa 1319) in der Zeit danach bis zu erheblichen Zerstörungen während der Karlistenkriege 1838/39. Einige Mauern und Durchgänge lassen den ehemaligen Grundriss noch gut erahnen, und der runde Hauptturm ist vollständig rekonstruiert. Man kann ihn betreten, allerdings  führt keine Treppe hinauf – schade eigentlich. Doch die Aussicht ist auch so schon bemerkenswert.

Die Burg von Villafames auf rotem Fels erbaut Blick vom Plaza del Sangre hinab ins Dorf

Deutlich zu sehen: der rote Sandsteinfels, auf dem die Burg - genauso wie der ganze Ort - erbaut wurde. Rechts ein Blick vom Fuße der Burganlage zum Dorf hinunter.

Wenn die Burganlage erkundet ist, führt der Weg wieder hinab zum „Platz des Blutes“. Hier befindet sich die Iglesia de la Sangre gegenüber dem ehemaligen Rathaus. Doch auch diese bemerkenswerte Kirche, die im Inneren eine Krypta mit dreizehn Spitzbögen aus dem 14. Jahrhundert zu bieten hat, bleibt dem einzelnen Gelegenheitsbesucher verschlossen. Also wenden wir uns wieder nach unten und folgen willkürlich dem Gewirr der vielen schmalen Gassen. Viele Künstler leben hier, und deren Häuser sind auch äußerlich oft sehr schön restauriert. Irgendwann trifft man in einer langen Gasse auf den Palacio del Batle, ein gotisches Bauwerk, in dem das Museum für zeitgenössische Kunst untergebracht ist. An die vierhundert Werke sind hier zu bewundern.

Eine kleine Gasse in Villafames mit Laterne Mit Grün bewachsene Gasse in Villafames am Fusse der Burg

Kleine private Kapelle an einer Hausfassade von Villafames  Treppen und schmale Gasse in Villafames mit grosser Agave

Romantische Gassen prägen das Bild von Villafamés ebenso wie liebevolle Details, die man überall unterwegs entdecken kann. (alle Fotos vom Autor)

Noch etwas weiter nach unten trifft der Besucher auf den Rathausplatz. Das Rathaus selbst mit seiner Renaissancefassade stammt aus dem 14./15. Jahrhundert und diente einst als Ölmühle und herrschaftliches Haus. Vom Rathausplatz ist es nicht weit zu unserem Ausgangspunkt am Hotel El Rullo. Die Straße oder – wenn man will – auch Treppen führen wieder hinab zum Platz der Quelle, wo wir das Auto geparkt hatten. Beim Hinausfahren aus dem Ort erhaschen wir noch einen letzten Blick auf die Statue des Künstlers Juan Ripollés, erinnern uns an die traurige Landebahn eines untätigen Flughafens mit einer Riesenstatue, an der wir heute auf der Rücktour bestimmt kein zweites Mal vorbeifahren wollen. Es gibt zum Glück viele Wege ...

Peter Schumann

Nachtrag: In der unmittelbaren Umgebung von Villafamés gibt es vier Sehenswürdigkeiten zu bewundern. Da ist zum einen die Höhle von Bolimini, deren Beschreibung auf dieser Website im Menü zu finden ist (2 Kilometer). Sie ist offen und zugänglich für jedermann, bedarf jedoch einiger Vorbereitung bezüglich passender Kleidung und Taschenlampen.

Zum anderen wäre zu nennen die Quelle La Font de les Piques (3 Kilometer), deren Besonderheit darin besteht, dass sie bei genügend Wasser kaskadenartig in sieben Tröge fließt. Das Wasser selbst ist harntreibend.

Das dritte Ziel wäre eine Laune der Natur (3 Kilometer): eine warum auch immer exakt zylindrisch geformte Grube von acht bis sechzehn Metern Tiefe, deren Fläche immerhin 1.300 Quadratmeter beträgt. Hier hat sich ein spezielles Ökosystem herausgebildet.

Viertens wäre die Ermita de San Miguel Arcáncel zu erwähnen (5 Kilometer+2 Fußweg), die mit einer schönen Fassade von 1640 aufwarten kann und an einem wunderbaren, mystischen Platz liegt.

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