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Wenn Träume sterben ...

... dann werden oft neue Träume geboren

 
Dann kam er – der Mauerfall! Die Ereignisse davor, den Mauerfall selbst und die Geschehnisse danach nahm ich wahr beinahe wie ein unbeteiligter Zuschauer. Dabei sollten diese Ereignisse unser weiteres Leben bestimmen und verändern wie niemals etwas zuvor.
Es war dem Bau unseres Hauses geschuldet. Ich war nur selten in unserer Wohnung in Berlin am damaligen Franz-Mehring-Platz in der Nähe des Ostbahnhofs. Im Garten des Opas, wo jetzt unsere neue Bleibe in eigener Leistung entstand, befand sich eine kleine Waschküche. Die hatte ich notdürftig, aber durchaus akzeptabel, als Unterkunft für mich ausgebaut. Sogar ein kleiner Kühlschrank war darin, ein kleiner Fernseher auch. Abends, wenn das fehlende Tageslicht das Bauen unterbrach, las ich bis in die späte Nacht hinein Korrekturen für den Aufbau-Verlag. Damit verdiente ich nebenbei ein wenig Geld für den Bau.
Natürlich bemerkte ich die zum Teil hektisch werdenden Aktivitäten meiner Nachbarn rings um meine Baustelle. Gerüchte machten die Runde. Es herrschte erhöhter Gesprächsbedarf am Abend vor den Häusern. Der eine wusste dies, der andere das.
„Hast du schon gehört ...?“
Die meisten meiner Nachbarn in Berlin-Buchholz fuhren tagsüber in die noch geteilte Stadt hinein zum Arbeiten. Sie lebten inmitten ihrer Arbeitskollektive, inmitten auch der nun folgenden Ereignisse. Sie waren viel unmittelbarer beteiligt und handelten demzufolge auch anders als ich, der ich doch irgendwie als Zuschauer, der mit sich selbst beschäftigt war, am Rande stand.
Klar hielt ich es in meiner Bude nicht mehr aus. Ich lief zu der einen oder anderen Kundgebung, suchte das Gespräch, den Austausch, die Gemeinsamkeit mit anderen, die ich doch vor kurzem gerade erst freiwillig aufgegeben hatte. Die innere Unruhe trieb mich hierhin und dorthin. Hinterher erfuhr ich aus dem Fernsehen oder den Tageszeitungen, dass ich wohl auf die falschen Veranstaltungen ging. Für eine davon fand man sogar die abwertende Bezeichnung „ein Treffen Unbelehrbarer“.
Doch so einfach war die Sache doch nicht. Ich sah wohl Tausende von Menschen. Ich sah, wie sie sich auf Plakaten und Transparenten artikulierten. Ich hörte Reden von wenigen  Sprachgewandten, sah ebenso viele Sprachlose, die nichts mehr sagen wollten oder konnten oder durften. Sie alle wünschten sich durchaus entscheidende Veränderungen. Doch welche? Die gleichen? Viele begriffen „ihr“ Land nicht als Teil eines anderen, größeren, reicheren. Was, bitte, hatte das mit unbelehrbar zu tun? Sollte denn die Lehre lauten: Lasst den Unfug mit dem Sozialismus, fügt euch drein ins kapitalistische System! Es gibt nichts Besseres auf der Welt?
Ich jedenfalls glaubte wie andere auch einfach nicht an die Sehnsucht der Westdeutschen, unbedingt mit uns wieder eins sein zu wollen. Das tue ich bis heute nicht. Sie wurden von den Ereignissen ebenso ungefragt überrannt wie wir auch. Ich glaubte aber und glaube immer noch an die zügellose Gier der Unternehmer und Spekulanten, der Banken, der vormals enteigneten Großgrundbesitzer und der Betrüger und Hasardeure, die ohne Krieg ein ganzes Land auf dem Silbertablett als neuen Tummelplatz für ihre Geschäfte serviert bekamen.
Wie sollte ich denn binnen weniger Tage und Wochen einen Traum loslassen, der sich über Jahrzehnte in mir festgesetzt hatte. Ich träumte wie viele andere auch den Traum von einer besseren Welt! Wollte ich überhaupt loslassen? Nein, ich bin keineswegs unbelehrbar. Fehler kann ich einsehen. Kritik vertrage ich gut, wenn sie sachlich begründet ist. Doch meine Träume gehören nur mir allein. Sie können tief in mir ruhen, und sie können fliegen, man kann sie nicht kaufen, und keiner kann sie mir wegnehmen. Und sie sind nicht austauschbar gegen die Träume von anderen ...
Für mich, den geschulten und überzeugten Materialisten, waren plötzlich allzu viele Menschen materialistisch, leider nicht in dem philosophischen Sinne, wie ich es verstand. Unbedarft war vielen Menschen plötzlich die kurzfristige Befriedigung ihrer individuellen Bedürfnisse wichtiger als eine gerechte Welt! Ein Schwager von mir brachte es auf den Punkt:
„Die wollen alles haben, was die Schaufenster im Westen so bieten können, aber sie möchten am liebsten so weiter leben und arbeiten wie bisher in der DDR!“
Diese Rechnung ging nicht auf! Jeder zahlte später das Lehrgeld auf seine Weise. Die einmalige kleine Summe zur „Begrüßung“ reichte dafür garantiert nicht aus. Sie war nicht einmal der berühmte Tropfen auf den heißen Stein! Höchstens ein kleiner Köder! Ich hoffe nur, es hat nicht all zu viele von denen getroffen, die das gar nicht wollten, die keine Stimme mehr hatten.
Im Westen spricht man im Zusammenhang mit Wahlen oft von der sogenannten schweigenden Mehrheit. Ich hatte den Eindruck, die gab es bei diesen Ereignissen auch; spätere Umfragen bewiesen das. Allerdings handelte es sich in diesem Fall um eine schweigende Mehrheit, die obendrein durch die euphorisierte herrschende öffentliche Meinung mehr als eingeschüchtert und zum Schweigen gebracht war. Nein, rohe Gewalt war nicht im Spiel. Es genügt allein schon die Furcht, seinen Arbeitsplatz von heute auf morgen verlieren zu können, weil man etwas Unliebsames getan oder nur gesagt hat.
Die vorherrschende öffentliche Meinung war westdeutschen Charakters. Das ist leicht nachzuvollziehen: fünfundsechzig Millionen Meinungen treffen auf die von siebzehn Millionen aus dem Osten. Letztere waren obendrein diskreditiert. Anders als die Menschen im freien Westen, wo die Massenmedien doch immerzu nur die Wahrheit und die vollkommene Freiheit postuliert hatten, waren wir Menschen aus der DDR Opfer von Agitation und Propaganda. Deshalb konnte man nicht einmal die Meinungen eins zu eins gegenüberstellen. Wir sollten  nicht mosern, sondern wirklich froh und dankbar sein! Von da an waren wir Beitrittsgebiet. Welch wunderschöne,  poetische und zugleich verräterische Sprache!
Ich hatte den Kopf nicht frei. Das konnte auch gar nicht anders sein in solchen aufregenden Zeiten des radikalen Umbruchs in der Gesellschaft. Er machte auch vor unserer kleinen Familie nicht halt. Am 31. Oktober 1989 wird unsere Tochter Lisa geboren.
Nur neun Tage später, am Abend des 9. Novembers, kommt die Eilmeldung über die Öffnung aller Grenzen zu Westdeutschland und Westberlin. Die Mauer ist von heute auf morgen Geschichte! Jedwede Lebensplanung im Osten konnte getrost auf den Müll geschmissen werden. Die nahe Vereinigung mit dem reichen Westen hatte so gut wie keiner auf dem Plan.
Die nächsten Jahre sind solche völlig neuer Orientierung. Sie werden gekennzeichnet sein vom Alltagskampf unter ungewohnten Bedingungen. Denn das ist auch zutiefst menschlich: Zu erst muss einer, um den herum alles Bekannte und Gewohnte wie ein Kartenhaus zusammenbricht, an das Wohl seiner Familie denken. Wenn darüber hinaus ein Neugeborenes jedwede Aufmerksamkeit beansprucht, erweist sich das als viel wichtiger im Vergleich mit jeder noch so gut gemeinten politischen Aktion.
Als Journalist will ich nun nicht mehr arbeiten, auch nicht als freier. Manche meiner früheren Kollegen können das. Ich weiß nicht, wie sie das mit sich selber ausmachen. Vielleicht haben sie ja zu Hause neben der sonstigen Garderobe eine ganze Kollektion von Wechselköpfen mit verschiedenen Inhalten herumliegen. Je nach Bedarf setzen sie den passenden auf. Jetzt ist der Kopf mit der Marktwirtschaft dran, gut auch, wenn noch ein bisschen DDR-Kritik mit drin ist. Sehr gut macht sich auch etwas Widerstand nach dem Motto etwa: Ich war ja eigentlich schon immer dagegen!
Auf solche Art gewappnet, kann man natürlich ohne schwerwiegende Probleme heute noch für den Sozialismus und morgen schon für Springer schreiben.
Mein Traum von der Schriftstellerei – geplatzt wie ein bunter Luftballon! Jahrelang trug ich diese Ideen in mir. Ich wollte sie in Bücher umsetzen, die helfen sollten, das Leben in der Republik attraktiver und lebenswerter zu gestalten. Vorbilder in diesem Sinn gab es durchaus. Ich wollte gern zu jenen Autoren gehören, deren Bücher wir als „Bückware“ bezeichneten. Die Verkäufer legten sie der immensen Nachfrage wegen nicht aus, sondern verwahrten solche Schätze unter dem Ladentisch. Ich hörte in jenen Tagen diesen Satz:
„Ideen sterben, wenn sie belanglos geworden sind!“
 
Was konnte jetzt belangloser sein, als der von mir gedachte Versuch, die nicht mehr existierende DDR verbessern zu wollen? Der Satz widerspiegelte genau meine Situation. Die Ideen in mir starben, und ich glaube, ich starb ein bisschen mit ...
 
 
Nachtrag: Träume starben - ja, aber neue wurden geboren und überhaupt erst möglich durch all die Ereignisse davor. So ist das eben im Leben. Wenn nicht alles so gekommen wäre - völlig unabhängig davon, ob ich das nun als gut oder weniger gut empfunden hatte - wäre mein Spanientraum von heute nicht zu verwirklichen gewesen. PS

 

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